23. April: Zum Welttag des Buches

RedakteurIn: Reinhold Embacher
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Anlässlich des Welttags des Buches 2021 spricht Lydia Grünzweig, Geschäftsführerin des Österreichischen Buchklubs der Jugend, über die Bedeutung des Lesens, seine Spielarten und die Herausforderung, Kinder zum Lesen zu verführen.

Was hat es mit dem „Welttag des Buches“ auf sich?

1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“, dem weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte von Autor*innen. Als Inspiration diente der katalanische Brauch, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Bücher und Rosen zu verschenken. In Österreich feiern viele Buchhandlungen, Leseförderorganisationen, Verlage, Bibliotheken, Schulen und andere Lesebegeisterte diesen Tag mit einem Lesefest oder anderen Aktionen rund ums Lesen.

Welche Stellung hat das Buch im digitalen Zeitalter denn überhaupt noch?

Bücher zu lesen hat eine haptische Komponente: gerade für Kinder ein sehr  wesentlicher Faktor. Angreifen, blättern, … Daher glaube ich, dass Bücher aus unserem Alltag – vor allem auch für Kinder – in Zukunft nicht wegzudenken sein werden. Und junge Menschen, denen wir Erwachsene das Buch als fantasievolles und bereicherndes Medium für den Alltag vermitteln, werden vielleicht auch in späteren Jahren zu gedruckten Büchern greifen. Im Buch hat man die Möglichkeit innezuhalten, selbst weiterzudenken, Gelesenes zu reflektieren, um dann wieder weiterzulesen. Gerade bei Kindern geschieht das Lesen oder auch das Vorlesen nicht geradlinig – es gibt immer wieder zwischendurch etwas zu besprechen, zu überlegen oder zu rätseln, bevor man weiterliest. Es handelt sich fachsprachlich um dialogorientiertes Lesen. So erarbeitet man sich das Wissen selbst und es bleibt länger im Gedächtnis verankert.

Wie kann man Kindern Bücher schmackhaft machen?

Die Bücher müssen den Leseinteressen der Kinder und Jugendlichen entsprechen. Das was Eltern, Verwandte oder Freunde denken, dass ein Kind gerne lesen würde, entspricht oft nicht dem, was das Kind interessiert. Daher meine Empfehlung: Das Kind/den Jugendlichen selbst das Buch aussuchen lassen! Der Buchklub engagiert sich mit Buchempfehlungsprogrammen ganz stark in diesem Bereich der Literaturvermittlung.

Der Auswahl der Bücher kommt beim Lesen lernen eine wichtige Rolle zu. Wenn ein junger Mensch die Möglichkeiten hat zu erfahren, wie spannend es sein kann, ein Buch zu lesen, sich auf eine Geschichte und deren Protagonisten einzulassen und das Gelesene in der Fantasie zum Leben zu erwecken, dann kann er auch dicke Wälzer lesen. Die Erfahrungen, die Kinder mit dem Lesen von klein auf machen, prägen das Leseverhalten später sehr. Das zeigt auch das Ergebnis der Vorlesestudie 2020 der „Stiftung Lesen“ aus Deutschland.
Mein Wunsch? Vorlesen zu Hause, und zwar auch dann noch, wenn die Kinder schon selbst lesen können, lesende Eltern als Vorbilder und Vorlesen und miteinander lesen – zu Hause, in der Schule oder in der Bibliothek. Wir Erwachsene dürfen und sollen Lesevorbilder sein und im Alltag öfter mal zu einem Buch greifen! Der Welttag des Buches erinnert uns immer wieder daran.

Da Sie das Vorlesen angesprochen haben: Ab wann soll vorgelesen werden?

Von Anfang an! Leseförderung startet bereits lange vor dem Schuleintritt der Kinder. Den Jüngsten zu Hause immer wieder Geschichten vorzulesen, Bilderbücher gemeinsam zu betrachten und darüber zu reden und Bücher zum Blättern anzubieten ist wichtig. Vorlesen schon bald nach der Geburt eines Kindes macht Spaß, stärkt die soziale Bindung und integriert Bücher ganz selbstverständlich in den Familienalltag. So kann schon vor Schuleintritt Vorfreude und Motivation für das Lesen geweckt werden, die Sprachentwicklung der Kinder durch den Umgang mit Kinderbüchern unterstützt und späteren Lernschwierigkeiten vorgebeugt werden.

Dennoch zeigt sich, dass fast ein Drittel der Eltern ihren Kindern nicht oft vorliest (höchstens einmal pro Woche oder nie) ein Ergebnis der Vorlesestudie 2020 der „Stiftung Lesen“. Dabei würde auch im Bereich der Leseförderung die Prävention viel mehr bringen als die nachträgliche Schadensbehebung. Die britische Leseförder-Organisation „BookTrust“ zeigt in ihrer „Social Return on Investment (SROI)-Analysis“ aus 2010, dass die Erträge ihres Lesefrühförderprogramms „Bookstart“ dessen Kosten weit übersteigen – nämlich mit einer Rate von 1:25 (Kosten versus Erträge). Jeder Euro, der in Lesefrühförderung investiert wird, bringt gewissermaßen 25-fache Erträge und verhilft dazu, dass teure Nachschulungen und nachträgliche Leseförderprogramme vermieden werden. Wenn alle Eltern ihren Kindern jeden Tag 15 Minuten vorlesen – dann ist schon ein großer Schritt in Richtung Leseförderung getan. 

Wie sehen Sie das Verhältnis von digitalem vs. analogem Lesen?

Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien unterschiedlich zu bewerten. Die Forschung zeigt, dass das Papier als Träger für lange und komplexe Texte immer noch die Nase vorn hat. Und lange Texte zu lesen ist wichtig, um unsere Konzentration und unser Gedächtnis zu trainieren, unseren Wortschatz aufzubauen.
Das Lesen langer Texte ist eben eine Form des Lesens – die rasche Informationsaufnahme in sozialen Netzwerken, einem Chat oder in einer Suchmaschine eine andere. Durch das Lesen digitaler Inhalte ändern sich Seh- und Lesegewohnheiten – die Art des Lesens hat sich den vielen Medien, die wir täglich nutzen, angepasst. Vor allem junge Menschen lesen heutzutage anders als noch vor einigen Jahren. Wir vom Buchklub halten es für sinnvoll analoges und digitales Lesen zu verknüpfen und parallel zu betreiben. Ohne Lesekompetenz ist man auch von der sinnvollen Nutzung der digitalen Medien ausgeschlossen.

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Datum: Do. 22.04.2021