"Er will doch nur spielen!"

Kerstin -

Videospiele sind längst ein Freizeitphänomen und junge Gamer:innen keine Seltenheit mehr. Doch auch und gerade dort ist unsere Gesellschaft längst nicht so aufgeschlossen und reflektiert, wie man das annehmen könnte. So oft das "Nie wieder" auch beschworen wird, die Statistik erzählt eine andere Geschichte. Die Zahl der antisemitischen Vorfälle und rassistischen Übergriffe ist auf einem hohen Niveau.

So hat die Antisemitismus-Meldestelle im ersten Halbjahr 3,7 antisemitische Vorfälle pro Tag registriert (Quelle: Antisemitische Vorfälle Jänner - Juli 2026).

ZARA hat im Jahr 2025 1539 Meldungen von Rassismus dokumentiert und bearbeitet (Quelle: ZARA Rassismus Report 2025).

Zunehmend werden Videospiele zu Einfallstoren für extremistische Ideologien und ein gezielt genutzten Orten der Anbahnung und Rekrutierung. Denn wo sonst trifft man unkompliziert Scharen von Kindern und Jugendlichen?

 

Propaganda in Onlinespielen

Gewalt in Videospielen ist kein neues Phänomen. Bereits 2014 wurde z.B. unter dem Begriff "Gamer Gate" eine frauenfeindliche Online-Belästigungskampagne gestartet. 1990 gaben bei einer Befragung von 900 Schüler:innen in Fulda mehr als 20 Prozent an, rechtsextreme Spiele zu besitzen. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung).

Die aktuellen Studien treffen wieder eindeutige Aussagen. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) beschreibt in seinem neuen Handbuch Gaming-Kulturen als  "zentral für das Verständnis heutiger rechtsextremer Online-Agitation". Gezielt nutzen rechtsextreme Gruppen diese Spielräume, vor allem weil der Austausch "weitgehend unreguliert" stattfindet.

Einmal mehr sind also nicht nur bedenkliche Nutzer das Problem, sondern auch die Plattformen selbst.

Zu den Charakteristika der Gaming-Kommunikation zählen Memes, oft KI-generierte Musik und "Kriegsikonographie". Die konsequente Ironisierung durch Memes fördert die Normalisierung radikalen Gedankenguts. Die Bildsprache zeigt wiederkehrende Motive wie Symbole, Heldentaten und Gewalt. Wer darüber lacht, hinterfragt weniger kritisch.

Das ermöglicht eine komplett neue Form der Radikalisierung und der Rekrutierung. Mühelos werden online Tabus gebrochen.

Nazi-Symbole, die im echten Leben verboten sind, werden in Online-Games als Gestaltungselemente genutzt. Still und unbemerkt tritt ein Gewöhnungseffekt auf.  Erst 2022 entfernte die Spieleplattform Roblox ein Spiel rund um virtuelle Nazi-Konzentrationslager und Gaskammern. Durch die Vielzahl täglich neu erscheinender Spiele kann nicht ausgeschlossen werden, dass weitere derartige Inhalte im Umlauf sind. Denn jeder kann Schöpfer von Inhalten auf Roblox werden.

Auch die Plattform Steam hat mit extremistischen Inhalten zu kämpfen. Die Anti-Defamation League dokumentierte in einer Untersuchung sogar "Millionen potenziell extremistischer und hasserfüllter Inhalte". (Quelle: XBoxDev)

In Chatgruppen beginnt häufig ein schleichender Prozess der Vernetzung und der Verhetzung. Jugendschutz? Fehlanzeige. Die Moderation kommt oft zu kurz und zu spät. 

Doch gerade Jugendliche suchen nach Zugehörigkeit und Anerkennung und sind daher anfällig.

 

Gamifizierte Terroranschläge 

Gamification beschreibt die Übertragung von Spielelementen wie Ranglisten, Levels oder Missionen auf andere Bereiche. Im Kontext terroristischer Anschläge werden diese Mechanismen genutzt, um Gewalt wie einen Wettbewerb aussehen zu lassen.

Dazu gehört das Auftreten des Täters im Stil eines Ego-Shooters. Der Attentäter, der 2019 in Halle am höchsten jüdischen Feiertag zwei Menschen ermordete und zahlreiche zum Teil schwer verletzte, übertrug seinen Angriff live auf die Spieleplattform Twitch.

Das tat auch der Attentäter von Buffalo, der 2022 zehn Afroamerikaner tötete. Ebenfalls 2019 starben in Christchurch 51 Menschen bei einem Attentat. Nach dem Anschlag wurden in den Foren auf tödliche Highscores und Achievements (Erfolgsauszeichnungen bei Games) verwiesen. Die Opferzahlen wurden wie Punktstände diskutiert.

Ziel der Rhetorik ist junge, unsichere Männer zu Nachahmungstaten zu motivieren. Auch der Amokläufer von Graz 2025 hatte Profile auf diversen Plattformen.

 

Was Eltern und Lehrkräfte tun können

Spiele generell zu verbieten ist keine Lösung. Die meisten Games haben nichts mit Extremismus zu tun. Fragen Sie immer nach, welche Spiele gespielt werden und was Kinder dort erleben.

Sprechen Sie an, wenn bestimmte Gruppen diskriminiert werden. Diskutieren Sie bewusst rassistische, antisemitische und menschenfeindliche Aussagen. Fragen Sie nach: Warum könnten Menschen aggressive Aussagen posten? Wer könnte sich angesprochen fühlen?

Zeigen Sie echtes Interesse am Online-Leben Ihres Schützlings!

Falls Sie strafrechtlich relevante Dinge entdecken, denken Sie über eine Meldung bei den Trusted Flaggers nach. Dazu zählen in Österreich Rat auf Draht oder die Internet Ombudsstelle.

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