Gangsta-Rap im Klassenzimmer?

Kerstin -

Die von Elyas M'Barak produzierte Netflix-Doku "Babo – Die Haftbefehl Story" ist kein Heldenepos. Die Dokumentation ist vielmehr ein Sozialporno mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren, die allerdings schon von deutlich jüngeren Schüler:innen gesehen wird.

Protagonist Haftbefehl, liebevoll auch "Hafti" genannt, kommt aus schwierigen Verhältnissen. Der Rapper, bürgerlich Aykut Anhan, selbst bezeichnet sich als "Straßenjunge". Sein gewalttätiger Vater begeht Suizd, Aykut bricht die Schule ab und beginnt schon früh Drogen zu konsumieren. Sein Künstlername "Haftbefehl" ist das Ergebnis einer kriminellen Vergangenheit. Diesem namensgebenden Haftbefehl entzieht sich der Musiker durch Flucht, lebt in Istanbul und den Niederlanden. Er beginnt erste Texte zu schreiben und bekommt einen Plattenvertrag.

Seine Single "Chabos wissen wer Babo ist" schafft es 2013 nicht nur in die Charts, sein "Babo" (Anm.: Papa, Chef) fand auch Eingang in die Sprache und wurde zum deutschen Jugendwort des Jahres. In seinen Texten gibt es neben Slang-Ausdrücken aus der Drogenszene auch zahlreiche Wörter aus dem Türkischen, Arabischen oder dem Kurdischen. Korrekte Grammatik hingegen gibt es nicht. Seine Lieder sind jedoch finanzielle Erfolgsgeschichten. Aykut schafft es raus aus dem Ghetto, er wird zum Multimillionär.

Eine moderne Cinderella-Geschichte könnte man meinen, doch seine Texte zeichnen ein wenig märchenhaftes Bild. Sie handeln von Gewaltfantasien, Drogenkonsum und Rausch.

In Free Palestina singt Aykut Anhan vom Krieg der Juden gegen die Moslems. Im Lied outet er sich als Pazifist und hat dabei eine Bazooka in der Hand.

"Haftbefehl" spricht zahlreiche Jugendliche an, besonders aber  junge Menschen mit Migrationshintergrund, für die er zum Idol und zur Identifikationsfigur wird. Mit dem Ruhm und dem finanziellen Erfolg wachsen jedoch auch seine Drogenprobleme. Er selbst gibt an, in drei Monaten fünf Tonnen Lachgas konsumiert zu haben, der Rapper überlebt nur knapp eine Überdosis Kokain.

Je mehr Geld du hast, desto mehr kokst man.

                                                                                Zitat Haftbefehl

Für Produzent Elyas M’Barek ist die Doku ein Denkmal für Haftbefehl – und zugleich eine Anti-Drogen-Botschaft, immerhin sei Aykut beim Dreh fast gestorben und heute clean. Kritiker bezweifeln das und sehen wenig Warnung vor Suchtmitteln.

Abschreckung sehe anders aus, so der Tenor. Denn Aykut lebt das Leben eines Millionärs. Wer Lamborghini fährt, vermittelt kein warnendes Beispiel. 

Auch Rollenvorbilder werden kritisiert. Der Künstler ist verheiratet und zweifacher Vater. Der jahrelange Drogenkonsum belastet das Familienglück, doch seine Frau Nina unterstützt ihn und polarisiert.

 

Den Aykut liebe ich, den Haftbefehl nicht.

                                                        Zitat Nina Anhan

 

Denn Nina Anhan liebt loyal und scheinbar bedingungslos. Auch wenn Haftbefehl tagelang verschwindet oder zugedröhnt den Familienurlaub versäumt, Nina bleibt. Während manche einen emanzipatorischen Rückfall kritisieren, feiern andere eine charakterstarke Traumfrau.

Diese kontroverse Sichtweise zieht sich wie ein roter Faden durch Gespräche über "Babo - die Haftbefehl Story".

Warum wir über die Haftbefehl-Doku sprechen sollten?

Babo - die Haftbefehl Story hat großes Debattenpotential. Es geht um Suchtkrankheit, Migration und Armut, es geht um Aufstiegsgeschichten und um Rap-Kultur.

Schüler:innen kennen Haftbefehl und freuen sich über das Eintauchen in ihre Lebenswelt. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien gehört außerdem in die schulische Diskussion.

Lachgas ist für Jugendliche zur Partydroge geworden und keineswegs harmlos. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind jedoch oft nicht bekannt.

Auf einigen Plattformen gibt es bereits Webinare und Unterrichtsmaterial zum Download.

Warum wir NICHT über die Haftbefehl-Doku sprechen sollten?

Auch wenn die Dokumentation als „Anti-Drogen-Doku“ vermarktet wird, zeigt sie glamouröse Bilder von Reichtum und Exzessen. Das kann Jugendliche eher faszinieren als abschrecken.

Die Texte des Rappers sind zudem weit weg von Sprachförderung und sprachlicher Richtigkeit. 

Unbedingt bedenken sollten Lehrende die Altersfreigabe von 16 Jahren. 

Fazit?

Fakt ist, dass über die Doku gesprochen wird. Auch auf dem Pausenhof und in den Klassenzimmern. Sie macht Lebensrealitäten sichtbar, die in Schulbüchern nicht abgebildet sind. 

Am Ende bleibt es jedoch eine individuelle Entscheidung, ob und wie die Geschichte von Haftbefehl im Unterricht aufgegriffen wird.

 

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