Das Geschäft mit deiner Aufmerksamkeit

Informatikprofessorin Alke Martens stellt in ihren Ausführungen eine unbequeme Verbindung her. Die Probleme, die wir heute mit Social Media haben, begannen in den 1990er Jahren. Damals wurden Nutzer:innen zum Produkt. Diese Entwicklung hat Konsequenzen, die im Schulkontext verstanden werden müssen.
Ein Netz wird kommerziell
Das Internet war ursprünglich ein Forschungsnetzwerk. Ab 1991 gab die US-amerikanische National Science Foundation es für kommerzielle Nutzung frei. Tim Berners-Lee hatte 1989 das World Wide Web erfunden, 1993 machte der Browser Mosaic das Netz für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Amazon und eBay wurden 1995 gegründet, der E-Commerce entstand.
Eine technische Entwicklung aus diesem Zeitraum verdient besondere Aufmerksamkeit. 1994 erfand der Netscape-Ingenieur Lou Montulli den HTTP-Cookie (Was sind Cookies?). Er sollte ein konkretes Problem lösen, nämlich Warenkörbe in Online-Shops . Montullis Entwurf war bewusst datenschutzfreundlich. Cookies sollten nur von der Website gelesen werden können, die sie gesetzt hatte. Bereits 1996 entdeckten Werbenetzwerke jedoch eine Lücke. Über sogenannte Third-Party-Cookies ließen sich Nutzer:innen quer durch das gesamte Web verfolgen. Aus einem Werkzeug für den Warenkorb wurde die Grundlage für personalisierte Werbung.
Aufmerksamkeit als Geschäftsmodell
Was in den 1990ern mit Cookies begann, hat die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff als Überwachungskapitalismus beschrieben. Unternehmen beanspruchen menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff, übersetzen sie in Verhaltensdaten und verkaufen daraus gewonnene Vorhersagen. Google und Facebook haben dieses Modell perfektioniert.
Die Dienste sind also nicht das Produkt. Wir sind es.
Die Plattformen finanzieren sich über Aufmerksamkeit. Je länger jemand scrollt, desto mehr Daten entstehen, desto wertvoller wird die Person für Werbetreibende. Algorithmische Empfehlungssysteme zeigen deshalb bevorzugt Inhalte, die starke Reaktionen auslösen. Das begünstigt Filterblasen. Nutzer:innen sehen zunehmend Inhalte, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen, und verlieren den Zugang zu anderen Perspektiven.
Regulierung als Reaktion
Die EU reagiert auf diese Entwicklungen. Im Februar 2026 stellte die Europäische Kommission vorläufig fest, dass TikTok mit seinem Design gegen den Digital Services Act (DSA) verstößt. (zum Presseartikel) Im Fokus stehen endloses Scrollen, Autoplay und das hochgradig personalisierte Empfehlungssystem. Diese Funktionen förderten zwanghaftes Nutzungsverhalten und beeinträchtigten besonders die psychische Gesundheit von Minderjährigen. TikTok drohen Geldbußen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Impuls für den Unterricht
Prof. Alke Martens liefert damit einen wichtigen Impuls für den Unterricht. Die heutigen Probleme mit Social Media sind nicht plötzlich mit dem Smartphone entstanden. Sie haben ihren Ursprung in Geschäftsentscheidungen der 1990er Jahre. Schüler:innen brauchen dieses Hintergrundwissen, um zu verstehen, warum Plattformen so funktionieren, wie sie funktionieren. Wer die ökonomische Logik hinter Infinite Scroll und personalisierten Feeds kennt, kann bewusstere Entscheidungen über die eigene Mediennutzung treffen.
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) formuliert.