Buben und das Lesen

Buben lesen anders und anderes
Bildquelle: Reinhold Embacher

Im Rahmen der Ausbildung zum Schulbibliothekar erörtert Daniel Thönig (NMS St. Anton) das Thema Buben und Lesen:

 

„Lesen lernt man durch Lesen“ – dieser Satz ist Grundlage vieler Leseförderungsprogramme: Häufiges Lesen trägt dazu bei, dass die Lesekompetenz stabilisiert und weiterentwickelt wird. Damit regelmäßig gelesen wird, ist eine entsprechende Lesemotivation erforderlich. Die Lesemotivation von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen ist deshalb der zentrale Ansatzpunkt von Leseförderung, die nicht auf Fragen der Lesetechnik und Lesekompetenz, sondern auf Lesen als Tun und Handeln abzielt.1

Wenn wir uns die Ergebnisse der PISA-Studie ansehen, müssen wir leider feststellen, dass die Lesemotivation und die Lesekompetenz nicht zu den Stärken der österreichischen Jugendlichen gehören. Am meisten trifft das auf Buben bzw. auf Jugendliche zu, die nach der Pflichtschule direkt auf den Arbeitsmarkt wechseln oder eine Lehre absolvieren. Und eben genau bei dieser Gruppe gibt es Nachholbedarf in den Schulen.

Buben sind also die Zielgruppe, wenn es um die Steigerung der Lesemotivation geht.

Steigerung der Motivation

Um sich für etwas motivieren zu können, muss man einen Sinn darin sehen es zu tun, und genau darin liegt oft das Problem, wenn es um das Lesen geht. Aus meiner Praxis als Deutschlehrer weiß ich, dass gerade Buben nur schwer dazu zu begeistern sind, ein ganzes Buch zu lesen. Die Gründe sind vielfältig.

Zum einen liegen die Gründe in der Auswahl der Lektüre, zum anderen im Lebensumfeld der Buben.

Lesestoffe

Hier eine Auflistung, die helfen kann, den entsprechenden Lesestoff geschlechterspezifisch auszuwählen.

Lesestoffe

Wenn man Buben zum Lesen motivieren möchte, muss man ihnen helfen die richtige Lektüre zu finden.

Während viele Mädchen (und Frauen) besonders zum unterhaltenden Buch eine emotionale Bindung aufbauen und Lesen für sie eine angenehme Beschäftigung ist, haben Buben (und Männer) vor allem einen pragmatisch-praktischen Zugang zum Lesen: Das Lesen dient ihnen eher zu Informations- als zu Unterhaltungszwecken. Es wird dann gelesen, wenn man etwas wissen will oder muss und weniger um des Lesens selbst willen. So lesen sie Sach- und Fachbücher häufiger als das weibliche Geschlecht. Bei den Erwachsenen zeigen sich diese Unterschiede z. B. auch bei der Tageszeitung, die Männer häufiger lesen als Frauen.

Diese unterschiedlichen Vorlieben bringen spezifische Formen des Lesens mit sich. An Informationen interessiertes Lesen ist eher selektiv und punktuell – es wird das gelesen, was man gerade sucht. Es ist typisch für „männliches Lesen“. Möchte man Erzählungen und Entwicklungen nachvollziehen können, muss man den gesamten Text lesen. Diese Form der Lektüre ist für literarische Texte charakteristisch und damit eher für das „weibliche Lesen“.2

Für uns als Lehrer heißt es also gut zu beobachten und sorgfältig auszuwählen, was wir unseren Schülern zum Lesen empfehlen. Auch muss man tolerant sein im Bezug auf die Auswahl, die Kinder selbst treffen. Nicht nur das Lesen von Büchern gilt als Lesen.

Die Lesewelt von Buben

Ein weiterer wichtiger Aspekt, auf den ich eingehen möchte, sind die Lebensumstände in denen sich Buben befinden, wenn es um das Lesen geht.

Für Buben ist die Schule oft der einzige Ort, an dem sie mit Lesen in Kontakt kommen, denn als Freizeitbeschäftigung haben Buben eher körperliche Aktivitäten und Computerspiele. Auch gesellschaftlich wird mehr Wert auf körperliche Aktivitäten, wie Sport in Vereinen gelegt, als auf das Zusammenkommen zu einem Lesezirkel. So ist es auch nicht verwunderlich, dass für viele Buben das Lesen keinen hohen Stellenwert hat.

Buben haben gerne „Action“ und vermissen diese Action beim Lesen häufig. Und deshalb lesen sie nicht gerne. Was wiederum dazu führt, dass sie das Lesen nicht gut beherrschen. Mit zunehmendem Alter kommt noch hinzu, dass sie sich dann schämen, wenn sie nicht gut lesen können. Wenn Buben einmal in diesem Teufelskreis stecken, kommen sie da nur mehr schwer heraus.

Ein möglicher Zugang zum Lesen könnte sein, wenn sie Interessen entwickeln, die wiederum das Lesen als Basiskompetenz verlangen. Internet, chatten, Hobbys, bei denen es notwendig ist, Informationen aus Texten zu entnehmen. Dies hängt aber dann oft wieder mit der sozialen Situation der Buben ab, ob sie überhaupt solche Hobbys für sich entdecken können. Je nach sozialer Situation hat das Lesen einen höheren oder niedrigeren Stellenwert. Väter spielen auch eine wichtige Rolle, wenn es um die Lesemotivation von Buben geht. Hier wäre vor allem wichtig, dass Buben auch ihre Väter beim Lesen sehen. Gerade Buben brauchen Vorbilder, denen sie nacheifern können. Deshalb sind männliche Lesevorbilder gefragt. 

Das Lesen muss einen Nutzen haben

Wie bereits erwähnt, ist es gerade für männliche Leser wichtig, einen Nutzen daraus zu ziehen.

Wenn Buben merken, dass es für sie ein großer Nutzen ist, können sie sich durchaus für das Lesen begeistern. Informative Texte, die ihnen zum Erreichen eines selbstgesteckten Zieles hilfreich erscheinen, werden dann mit der nötigen Motivation gelesen. Gerade bei Buben steht die schnelle Entnahme von Information im Vordergrund. Die Betonung liegt hier eindeutig auf schnell.

Um Buben zum Lesen zu gewinnen, muss man sie oft auf Umwegen an das Lesen heranführen. Sie müssen ausgetrickst werden. Und dies gelingt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mit einem 300 Seiten dicken Buch.

Sachtexte, informative Texte und Berichte gehören eher zu den Lesestoffen, die Buben bevorzugen. Auch Comics und Sciencefiction werden von den Buben lieber gelesen als Tiergeschichten und Liebesromane. 

Neben Sachbüchern lesen Buben häufiger als Mädchen Comics. Das ist insofern interessant, als bei den Comics die Bilder eine zentrale Bedeutung haben. Den Buben sind auch in Büchern Bilder wichtiger als den Mädchen. Mit ihrer Vorliebe für visuelle Darstellungen stimmt überein, dass sie deutlich mehr Zeit mit den Bild(schirm)-medien Video, Computer und Internet verbringen als Mädchen. Problematisch ist die unterschiedliche Bevorzugung von Lesemedien deswegen, weil damit auch zusammenhängt, wie oft und wie lange jemand liest. Kinder, die gerne Bücher zur Unterhaltung lesen, lesen insgesamt häufiger und länger als jene, denen Bücher keinen Spaß machen. In der PISA-Studie wurde der Zusammenhang klar bestätigt, dass Jugendliche, die sehr oft Bücher zur Unterhaltung lesen, auch besser lesen können. Und, was wichtig ist: Buben, die genauso gerne und oft Bücher lesen wie Mädchen, können genauso gut lesen wie diese. Das heißt, dass das schwächere Abschneiden der Buben beim Lesetest auch damit zusammenhängt, dass sie einfach weniger lesen als die Mädchen und das Lesen weniger üben.2

Zeit zum Lesen schenken

Für mich fängt das in der Schule an, dass man ihnen die Zeit schenkt, die sie zum Lesen brauchen. Ich glaube, dass viele Buben, das Problem haben, dass sie zuhause die Zeit zum Lesen nicht finden. Wie oben schon beschrieben, ist für die meisten Buben in der Freizeit alles andere wichtiger als das Lesen. Deshalb  biete ich ihnen im Deutschunterricht die Möglichkeit, pro Unterrichtsstunde15 Minuten eigene Lektüre zu lesen.

Anfänglich war ich skeptisch, wie sich das entwickeln wird.

Lesen alle Schüler? Was mache ich, wenn einer nicht liest? Wie kann ich das überprüfen? Muss ich das überprüfen? Solche und noch mehr Fragen stellte ich mir.

Ich habe festgestellt, dass sich ihre Lesekompetenz steigert. Das heißt aber nicht, dass sie zuhause dann auch gleich mehr lesen. Nein, aber es steigert ihre Lesekompetenz und das wiederum wirkt sich positiv auf ihre Lesemotivation aus. In diesen 15 Minuten bekommen die Schüler Zeit zum Lesen. Die Texte oder Bücher, die sie Lesen, können sie frei wählen und sie werden auch nicht überprüft. Sie dürfen einfach nur 15 Minuten frei lesen.

Nun, nachdem ich dieses Projekt schon über ein halbes Jahr in meinen Deutschgruppen praktiziere, kann ich nur sagen, ich bin positiv überrascht. Die Schüler lieben diese Zeit zum Lesen. Wenn ich sie danach frage, gefällt es ihnen, dass sie ungestört und in Ruhe in einem geordneten Rahmen lesen können. Bei den Buben habe ich festgestellt, dass die Portionen an Lesestoff, die sie sich zu Gemüte führen, immer größer werden. Gerade Buben finden jetzt in dieser Viertelstunde Zeit, um zu lesen.

Die Frage, ob ich mit diesen täglichen 15 Minuten Lesen wertvolle Unterrichtszeit vergeude, kann ich getrost mit „Nein“ beantworten. Das Lesen ist eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Basiskompetenz, die wir den Kindern in der Schule vermitteln sollen und auch müssen. Es ist eine der grundlegenden Fähigkeiten, um in einer Wissensgesellschaft selbstständig zurechtzukommen.

„Lesen eröffnet uns die Welt des Geschriebenen und Gedruckten, die über Bücher weit hinausgeht. Mit Computer und Internet ist es noch wichtiger geworden, möglichst gut lesen zu können.2

Ein Sprichwort sagt:

„Lesen können heißt lernen können.“

Gerade in der Schule haben wir die Möglichkeiten, den Kindern die Welt des Lesens näher zu bringen. Deshalb sollten wir die Zeit zum Üben nützen!!!

Quellen:

1Böck, Margit (2007): Gender und Lesen. Geschlechtersensible Leseförderung: Daten, Hintergründe, Förderungsansätze. Hg. v. BM:UKK, Wien.

2Böck, Margit: Buben und das Lesen

http://www.lkz-ooe.at/fileadmin/downloads/lkz/05eltern/Buben_und_das_Lesen.pdf(20.06.2011)

 

Text: Daniel Thönig

Bildquelle: 
Reinhold Embacher

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