WikiLeaks und der Cyberwar: Das Imperium schlägt zurück und die Rebellen setzen sich zur Wehr

Nur soviel vorweg: Wer hier die Guten und wer die Bösen sind, ist lange nicht so klar wie in der Star Wars Saga. Gut und Böse dürfte wie so oft eine Frage des Standpunktes sein.

Die US-Behörden halten die Veröffentlichung von diplomatischen Nachrichten, Statements über die Kriege im Irak und Afghanistan für Geheimnisverrat und wollen dem Verantwortlichen, Julien Assange, den Prozess machen. Assange selbst, Gründer der Aufdeckungsplattform WikiLeaks sieht sich selber als Aufklärer, der hinter die Kulissen und Inszenierungsformen der "Mächtigen" blicken will und daher vertrauliche Dokumente sucht und auch veröffentlicht. Jetzt wurde Assange unter durchaus eigenartigen Umständen und mit eigenartigen Vorwürfen verhaftet, etliche große Unternehmen boykottierten (dieses Urteil sei bitte erlaubt) mit extrem fadenscheinigen Argumenten die WikiLeaks Plattform. Amazon sperrte Wikileaks den Serverzugang, PayPal und MasterCard stoppten die Abwicklung von Zahlungsverkehr an die Plattform. Als Reaktion darauf crackten mehrere Fans von WikiLeaks die Webseiten der Boykottunternehmen. Wir erleben den ersten offenen Cyber-Aufstand, der von beiden Seiten im Namen der Freiheit geführt wird.

Die Verfolgung Assanges nimmt einerseits Wunder - gilt doch in manchen Kontexten in den USA Meinungsfreiheit als höchstes Gut - mit diesem Argument dürfen z.B. etliche Neonazis ohne Strafverfolgung ihre abseitigen Webseiten veröffentlichen. WikiLeaks veröffentlicht nur Meinungen, die jemand anderer abgegeben hat, bzw. Dokumente, die eigentlich vertraulich sein sollten, haben diese aber wahrscheinlich nicht gestohlen. Was sollte daran schlechter sein, als Nazi-Seiten, die von Hass gegenüber Arabern, Juden und allen anderen, die das Pech haben, nicht weiß, blond und blauäugig zu sein, triefen. Dass jemand, der das Recht der Pressefreiheit nutzt, zu einer internationalen Bedrohung stilisiert wird, den Sarah Palin "jagen lassen möchte, wie bin Laden", der von einem Berater der kanadischen Regierung zum "Abschuss freigegeben wird", ist schon eigenartig.

Die Verfolgung von WikiLeaks nimmt noch mehr Wunder, als auch andere Medienunternehmen wie "The Guardian", "The New York Times", "El Pais" und "Der Spiegel" dieselben Dokumente veröffentlichten. Über diese wurde aber nicht geschimpft, sie wurden in den gesammelten Tiraden über Geheimnisverrat und Gefährdung von Menschenleben nicht einmal erwähnt.

Ich denke, das Zauberwort ist "Macht". "Macht" bedeutet hier "Verfügungsgewalt über gesellschaftlich relevante Prozesse", wie z.B. die Kontrolle von Information. In dem Moment, in dem eine Plattform wie WikiLeaks die klassische "Gatekeeper"-Funktion von etablierten Medien und die inszenierten Kommunikationsformen von Politik und Diplomatie durchbricht bzw. als hohle Rituale demaskiert, erfolgt von Seiten der jeweiligen Machthaber eine Form des Rückschlags. Was sind nämlich die Folgen einer solchen Demaskierung? Politische Kommunikation wird als eine zum Teil ritualisierte und erstarrte Form der Kommunikation gezeigt, die scheinbar zur Beruhigung der BürgerInnen dienen soll und eine Form von Wirklichkeit schafft, die mit der alltäglichen Einschätzung von Sachverhalten nicht immer übereinstimmt...

Ein zweites Zauberwort ist möglicherweise "Korruption". Etliche der WikiLeaks-Dokumente zeigen eine Abstimmung zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten, die enger als erlaubt ist. Nur ein Beispiel: Dokumente legen nahe, dass der Ölkonzern Shell die nigerianischen Ministerien unterwandert hat, um jede politische Entscheidung zur Ölförderung zu kontrollieren und sein Monopol zu halten.

Aber lesen Sie selber die verschiedenen Meinungen zur WikiLeaks-Affären und ihren Folgen.

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