WikiLeaks - die Macht der Öffentlichkeit. Chance und Risiko

Seit den frühen Tagen des Internet ist es ein fester Bestandteil der Web-Gedankenwelt, dass freier Zugang zu Informationen erst ein globales demokratisches Miteinander ermöglicht und dass das Internet für einen solchen offenen Austausch das ideale Medium sei.

In der klassischen Medientheorie gilt das "Gatekeeper-Phänomen" (also die Vorauswahl von Informationen durch Experten, Verantwortliche, Journalisten) als einerseits unvermeidliche Strukturierung, andererseits aber auch als ein tiefgreifendes Machtinstrument. Wer Nachrichten auswählt bzw. zurückhält, der kontrolliert im Endeffekt die Vorstellungen der Medienkonsumenten von der Welt.

Zunächst denkt man bei solcherlei Nachrichtenauswahl wohl an Diktaturen, an autokratische Staaten ohne freie Medien, in denen Manipulation aus politischen Gründen von außen sofort sichtbar ist (Nordkorea z.B.). Doch auch in der sogenannten "Freien Welt" garantiert der freie Markt der Informationsindustrien nicht automatisch auch schrankenlose Information. Tatsächlich spielen leider Informationsarbeiter, politische Machthaber und einflussreiche Wirtschaftskräfte zusammen und erzeugen ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit, das BürgerInnen von der politischen Einflussnahme und Einmischung abhalten soll. Ein Blick über unsere südliche Grenze ins Italien Berlusconis demonstriert nachhaltig, was ich damit meine. Ein Großteil der Landesmedien gehört dem politischen Machthaber, die Auswahl der Nachrichten, die Darstellung der Regierung und ihrer Kritiker bis hin zur Gestaltung der Unterhaltung (völlig verblödete Quiz-Shows, Talentshows,...die Liste könnte beliebig verlängert werden) soll allzu kritische Auseinandersetzung mit politischen Entscheidungen verhindern. Politische Gegner werden diffamiert oder totgeschwiegen.

Die Folge von soviel Medienkonzentration: Es kommen nur gefilterte Informationen an, Menschen erleben eine bestimmte Darstellung von Welt als real. Ähnlich verhält es sich mit der Inszenierung von Politik. Vielerorts scheint es nicht mehr um Entscheidungen zu gehen, sondern vielmehr um die Nicht-Entscheidung und die tönende Inszenierung von Nicht-Geschehen (siehe die Reaktionen von Rektor Bast auf den sogenannten "Finanzierungsgipfel" vor zwei Wochen).

Angesichts einer immer mehr in starre Medienrituale abgleitenden Kommunikation versuchen Plattformen wie WikiLeaks Informationen zu präsentieren, die "von Mächtigen zurückgehalten würden", die zeigen, was hinter einer Informationsflut steht, die von Kritikern schon lange als "hohle Fassade" abgetan wird.

Veröffentlichung von geheimen und privaten Dokumenten um einen demokratischen Zugang zu bewusst vertuschten Wirklichkeiten und Ansichten zu ermöglichen steht nun gegen den Vorwurf, Gleichgewichte, mühsam errungen Gesprächsbasen und Beziehungen zu riskieren und die internationale Verständigung zu behindern. Ist es o.k., wenn offensichtlich auf politischen Druck Amazon WikiLeaks die Nutzung seiner Server sperren muss?

Ich persönlich (als ausgebildeter Historiker) sage offen, dass ich um jede private Information, Tagebücher und inoffizielle Meinung froh bin, die einen Blick hinter offizielle Kulissen ermöglicht. Was wäre Anne Frank ohne den Einblick in ihr persönliches Schicksal, wie würden wir ägyptische Geschichte ohne die Tratschgeschichten der Schreiber, die sie in der Fussnote mitlieferten, sehen?

Was meinen Sie dazu? Die unten stehenden Links sollen eine gewisse Diskussionsgrundlage liefern.

In jedem Fall - viel Spaß beim Hin- und Her-Argumentieren.

Weiterführende Links:
 

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