Vita activa - oder doch vita contemplativa?

Heinrich Zille - Arbeit: Ausschnitt mit schlafenden Arbeitern auf Baustelle
Bildquelle: wikimedia.commons/Heinrich Zille

Sollen wir aktiv durchs Leben gehen, die Welt verändern, neue Dinge erforschen und "Spuren hinterlassen in dieser Welt", wie Käthe Kollwitz einmal sagte? Oder sollen wir beobachten, nachdenken, meditieren und die Kreise dieser Welt meiden?

Diese beiden unterschiedlichen Einstellungen, die sich auch in einer unterschiedlichen Einschätzung der Arbeit zeigen, bestimmen die abendländische Diskussion zum Verhältnis von Arbeit und Leben. War für die antike Welt die Vita contemplativa, also die Betrachtung ohne handwerkliche Tätigkeit das Maß der Dinge, lebten interessanterweise gerade die Benediktiner im frühen Christentum, die man wohl eher auf der kontemplativen Seite vermuten würde,  die Vereinigung der Gegensätze in ihrem "ora et labora" ("Bete und arbeite").

Das Bürgertum der Neuzeit kennt eher eine Arbeitsethik, die das aktive Leben, die Verwirklichung im Beruf sieht, und für die Freizeit nicht umsonst das doppeldeutige "Muße" ist ("Müßiggang ist aller Laster Anfang" lautet ein deutsches Sprichwort).

Heutzutage, nach zwanzig Jahren neoliberalem Turbokapitalismus als treibender gesellschaftlicher Kraft, erwachen viele Menschen wie aus einem bösen Traum und finden die Forderung nach "work-life-balance" sinnvoll, hinter der zwar einerseits eine große, expandierende Freizeitindustrie steht, die Absatzmärkte sucht, die aber andererseit auch ein berechtigtes Unbehagen mit einem Leben widerspiegelt, das sich nur über Leistung definiert hat.

Vor knapp einem halben Jahrhundert schrieben die Philosophin Hannah Arendt ihr Hauptwerk "Vita activa" (in dem sie eine Theorie politischen Handelns entwarf) und Heinrich Böll seine berühmte "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral", in der die alte Diskussion zwischen Vita activa und Vita contemplativa vor dem Hintergrund industrieller Gesellschaften diskutiert wurde. Wir arbeiten demnach, um zu leben, vielmehr als dass wir leben um zu arbeiten.

 

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