"Scripted Reality" - Realität nach Drehbuch

Bildquelle: commons.wikimedia / http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mumraj_2009_photo01.jpg; Bohdan Holomíček

Vor einer Woche machte die als "Super Nanny" bekannte Sozialpädagogin Katharina Saalfrank Schlagzeilen, als sie aus ihrem Vertrag mit dem Privatsender RTL ausstieg. Eine der kolportierten Begründungen war, dass sie sich dem Diktat des Senders nicht hätte unterwerfen wollen, ihre Erziehungsberatungen nach einem Scripted Reality - Muster abzuwickeln.

"Scripted reality" - ein seltsamer Begriff, auf jeden Fall eine der aktuell leitenden Ideen und Vorgangsweisen mancher TV-Sender. "Scripted reality" bedeutet nichts anderes als "Realität nach Drehbuch". Das heißt konkret, dass TV-Sender "Dokumentationen" produzieren, die scheinbar live mitgefilmt werden, die tatsächlich aber nichts anderes sind, als billigst produzierte, frei erfundene Geschichten, die von Laiendarstellern gespielt werden. Bekanntestes Beispiel in der österreichischen TV-Landschaft ist "Bauer sucht Frau" von ATV.

Nur die völlig unterirdische Qualität der Handlung und der Darsteller weist darauf hin, dass hier Realität nur vorgegaukelt wird - so kaputt kann nicht einmal die Wirklichkeit sein. Speziell RTL (von Harald Schmidt einmal als "Unterschichtensender" bezeichnet) tut sich bei der Produktion solcher Machwerke hervor. In den Drehbüchern werden die schlimmsten Klischees bedient, verstärkt (asoziale Hartz IV-Empfänger,..), das Spektrum der Verhaltensmöglichkeiten ist auf wenige, drastische Settings (Anpöbeln, körperliche Übergriffe, Flegeln, Aggression statt Argumentation) ausgelegt. 

Das alles wäre ja nicht so schlimm, schlechtes TV hat es ja immer gegeben, egal, wo man die Grenze zieht. Bedenklich ist nur, dass 

  1. 30% der zwischen 14- und 48jährigen diese Sendungen regelmäßig ansehen (was dieses Format zum momentan erfolgreichsten in Deutschland macht), und
  2. ein Großteil des Publikums keine Ahnung hat, dass hier Realität nur gespielt wird. 

Die "Truman-Show" mit umgekehrten Vorzeichen hat Teile des TV-Publikums eingeholt. Wusste in Peter Weirs Film der Beobachtete nicht, dass er in einer Scheinwelt lebte, so ignorieren bei Scripted Reality offenbar die meisten Zuseher, dass das, was sie sehen, nur frei erfunden ist.

Ob die (speziell von den jugendlichen ZusehrInnen) beobachteten, rüden Verhaltensweisen auch für gut befunden und kopiert werden, ist im Augenblick schwer zu sagen. 

Wer glaubt, dass Scripted Reality nur in Trash-Serien zum Einsatz kommt, täuscht sich. Auch in TV-Dokumentationen von öffentlich-rechtlichen Sendern wird versucht, dramatische Elemente einzubauen, um Publikum in der Sendung zu halten (auch wenn gar nichts Dramatisches passiert). Der Tiroler Autor Raoul Schrott berichtet von den Bedenken eines ZDF-Kameramannes während einer Sahara-Expedition, dass nun bald was passieren müsse, sonst hätte man bei der Ausstrahlung kein Spannungselement zur besten Werbezeit. Schöne neue Medienwelt, wenn man glaubt, die Realität bliebe so weit hinter der Inszenierung zurück.

Gleichzeitig wird durch das Überhandnehmen von Doku-Soap-Sendeformaten deutlich, wie hart und gnadenlos die wirtschaftliche Situation in Privatsendern geworden ist. Es zählt tatsächlich nur mehr die Quote der Sendung, um Aufmerksamkeit zu erreichen, müssen die dargestellten Schicksale immer dramatischer und extremer werden. Die absolute Ausnahme wird zur Regel gemacht und dominiert die Medienrealität, die gleichzeitig eine der wichtigsten Info-Quellen für Jugendliche ist.

Die unten stehenden Links bieten in der ersten Hälfte Hintergrundartikel, in der zweiten dann vor allem Materialien und Tipps für die Thematisierung im Unterricht.

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