Rezension: Hans-Henning Scharschach: Stille Machtergreifung

Bildquelle: http://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/stille-machtergreifung-917

Der 1943 geborene Hans-Henning Scharsach war langjähriger Leiter des Auslandssressorts von Kurier und News. Seit seiner Pensionierung ist er vorwiegend als Autor tätig. Zu seinen Büchern zählen Bestseller wie "Haiders Kampf", "Europas Populisten", "Die Ärzte der Nazis" oder "Strache - im braunen Sumpf".

Vor allen Dingen war Scharsach auch politisch tätig: er organisierte 1993 das Lichtermeer für mehr Solidarität, gegen Rassismus und Ausgrenzung mit. Lange Jahre trat er als Organisator und Mitveranstalter von zahlreichen Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nazi-Terrors in Erscheinung. Außerdem unterstützte er das Frauenvolksbegehren und hielt die Trauerrede für Marcus Omofuma, einen im Zuge seiner Abschiebung verstorbenen nigerianischen Asylwerber.

Vorausschickend möchte ich betonen, dass Objektivität das Qualitätsmerkmal einer guten Rezension und jeder redaktionellen Arbeit sein muss. Denn seit dem österreichischen Präsidentschaftswahlkampf bin ich vorsichtig, hatte ich doch plötzlich den Eindruck, dass es nur mehr links oder rechts zu geben schien. Als eine in den Siebziger Jahren Geborene bin ich jedoch als Kind der Meinungsfreiheit, der Vielfalt und Toleranz sozialisiert worden.   

Toleranz oder gar Akzeptanz gegenüber der FPÖ, immerhin aktuelle Regierungspartei, kann man vom Autor nicht erwarten. Kurzum, das Buch ist sicher nicht dazu angetan, politische Gräben in Österreich zu schließen und Gemeinsamkeiten von Gesinnungen aufzuzeigen. Keinesfalls und niemals. Diese Gräben zeigen sich auch, wenn man die online-Rezensionen zu Scharsachs neuestem Werk durchliest. Scharsach ist ein getriebener, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, aufzudecken und zu informieren. Er nähert sich dem Thema nicht nur wissenschaftlich, sondern auch emotional.

In dieser Emotionalität passieren jedoch Fehler. Es stört mich, dass er die Generalsekretärin der FPÖ Marlene Svazek als "Alibifrau" oder dass er das "Österreich-zuerst-Volksbegehren" als "Anti-Ausländer-Volksbegehren" bezeichnet. Diese Färbung der Aussage steht nämlich in Widerspruch zur sonst hervorragenden Recherchearbeit des Autors. Mehr als 560 Quellenverweise im Anhang zeugen davon. Auch das Anprangern der Mitgliedschaft von Norbert Hofer beim seiner Ansicht nach mehr als elitären St. Georgs-Orden gefällt nicht (S.85). Nach meiner Recherche sind sowohl Andrä Rupprechter, wie auch Herwig van Staa oder Beatrix Karl Mitglieder. Der St. Georgs-Orden verschreibt sich laut Website christlichen, multinationalen und europäischen Werte, was man ja auch positiv sehen könnte. Außerdem stört mich, dass er jene Österreicher_innen, die Norbert Hofer beim Präsidentschaftswahlkampf ihre Stimme gegeben haben, als simple Opfer von rethorischen Tricks wie NLP oder Reframing bezeichnet. 

Noch mehr stört es mich aber, dass sich die FPÖ, immerhin aktuelle Regierungspartei, nicht deutlich auf Distanz begibt, zu verherrlichendem Vokabular, zweideutigen Symbolen wie der Kornblume oder ominösen Veranstaltungen. Hier sensibilisiert der Autor und zeigt Naheverhältnisse auf, die zum Nachdenken anregen. Dass Scharsach aber den Termin des Akademikerballs am Befreiungstag des KZ Ausschwitz als bewusst gewählt bezeichnet, kann ich nicht nachvollziehen. Genauso wenig wie ich aber verstehen kann, dass HC Strache beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die Burschenschafter-Kappe tragen musste (S.40). Muss wirklich nicht sein.

Scharsach bezieht deutlich Position, dass die FPÖ als Regierungspartei in ihrem Vokabular vorsichtig sein muss und belegt das mit Taten oder Wortspenden aus der NS-Zeit. Das, was FPÖ-Politiker in zahlreichen Interviews als "Nazi-Keule" bezeichnet haben, ermüdet etwas. Doch der Autor zieht immer wieder auch die Verbindung in die Gegenwart. Wenn im Handbuch Freiheitlicher Politik aus dem Jahr 2013 der Begriff Volksgemeinschaft auftaucht, dann muss man das durchaus provokativ sehen.

Der historische Exkurs in die Welt der Burschenschaften ist komplex und getragen von den negativsten Auswüchsen dieser Vereinigungen, das zeigt sich z.B. auch an Innsbrucker Beispielen: etwa die Person Dr. Gerhard Lausegger, der 1938 während des Novemberpogroms ein Rollkommando geleitet hat, oder der Bericht über zwei Mitglieder der Suevia- und der Brixia-Burschenschaften, die im jüdischen Teil des Westfriedhofs Gräber geschändet haben.

Trotzdem beschleicht mich -mehr als sieben Jahrzehnte nach Ende des 2. Weltkriegs- immer wieder das Gefühl, dass viele Mitglieder unserer Großvätergeneration Mitglieder des Regimes waren, ja sein mussten, und dass es Zeit wird den Mantel des Verzeihens, nicht des Vergessens darüber auszubreiten. Die Situation in den Zwanziger und Dreißiger Jahren ist mit heute nicht vergleichbar und es gilt zu hoffen, dass die Gesellschaft aus der Vergangenheit gelernt hat.

Es gilt auch zu hoffen, dass die Mitglieder der Regierungspartei durch dieses Buch vorsichtiger werden in der Wortwahl und in der Auswahl ihrer Mitglieder und dass sie sich von nationalsozialistischen Inhalten und Rassismus generell deutlich distanzieren.

Fazit: Die Lektüre ist nicht geeignet für politisch weit links oder weit rechts Stehende. Für alle dazwischen und vor allem für Personen mit historischem Interesse kann sie empfohlen werden.

 

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