Paradigmenwechsel oder: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:PPTCountdowntoSingularityLog.jpg, (Stand:20.5.2014), Autor: Ray Kurzweil, Lizenz: Creative Commons Attribution 1.0 Generic

1962 erschien ein ebenso revolutionäres wie geniales Buch, das den Blick auf die Wissensgeschichte der Menschen grundlegend veränderte - für sich selbst eine Art Revolution: Ich schreibe hier von "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" von Thomas S.Kuhn. 

Kuhn untersuchte zum ersten Mal systematisch, was sich genau bei Umbrüchen im wissenschaftlichen Sektor abspielt und wählte als wichtigstes Beispiel die Einführung der Relativitätstheorie Albert Einsteins, welche die klassische Physik Newtons ablöste. Der kernbegriff Kuhns, der ihn berühmt, aber auch missverstanden gemacht hat, ist in diesem Zusammenhang der "Paradigmenwechsel" (engl. "paradigm shift"). Kuhn beschreibt mit diesem Begriff den "Normalzustand" der Naturwissenschaft, in dem ein weitgehend akzeptiertes Erklärungsmodell (Paradigma) die Hypothesenbildung und Beweisführung dominiert.

Im Normalzustand einer Wissenschaft wird das grundlegende Paradigma auch nicht hinterfragt, erst, wenn über einen längeren Zeitraum mehrere Beobachtungen zentrale Aussagen des Paradigmas ad absurdum führen, tritt Wissenschaft in den "außerordentlichen" Zustand ein. In der Regel entwickelt sich ein neues Paradigma, das dann dazu führt, dass Wissenschaft wieder im Normalzustand arbeitet. Ein mögliches Beispiel dafür ist laut Kuhn das Paradigma mittelalterlicher Astronomie - das ptolemäische Weltbild. Es galt jahrhundertlang unwidersprochen, bis die Berechnung der Planetenbahnen auf seiner Basis nicht mehr nachvollziehbar war. Das kopernikanische (heliozentrische) Weltbild ermöglichte die problemlose Bahnberechnung und löste das alte Paradigma ab. Dieses Paradigma gilt bis heute weitestgehend (mit Ausnahme von 20 % der russischen Bevölkerung - laut ORF-Bericht) zumindest innerhalb der Astronomie unwidersprochen.

Sehr umstritten ist Kuhns zweite Zentralhypothese, dass das neue Paradigma und das alte nicht mehr passgenau sind - sie seien inkommensurabel. neue Paradigmen böten nämlich neue Fragestellungen, neue Probleme und neue Begifflichkeiten. Die Anhänger eines neuen Paradigmas lebten in einer "anderen Welt". Kuhn lehnt das sogenannte "Korrespondenzmodell", nach dem alte Theorien Spezialfälle einer neuen Theorie seien, radikal ab.

Thomas S. Kuhn hat mit seinem Konzept der wissenschaftlichen Revolutionen und des Paradigmenwechsels in jedem Fall eine neue Beschreibung wissenschaftlicher Umwälzungen geliefert, die von anderen auch auf außernaturwissenschaftliche Phänomene übertragen wurde. "Paradigmenwechsel" muss als Begriff heutzutage für ziemlich viel herhalten - von einem schulischen Methodenwechsel bis hin zu esoterischen Gemeinschaften, die im Jahr 2012 einen Paradigmenwechsel/Epochenwechsel kommen sehencheeky . Kuhn selber glaubte nicht einmal an eine Übertragbarkeit seiner Theorie von der Naturwissenschaft auf Soziologie oder Kulturwissenschaften.

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