Multimodalität - eine Chance für die Schulbibliothek?

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Bildquelle: bilder.tibs.at/Andreas Markt-Huter

Birgit Rea, PTS Reutte, hat sich im Rahmen der Ausbildung zur Schulbibliothekarin über den Begriff Multimodalität, einem sehr aktuellen Thema in der Leseforschung, Gedanken gemacht. Lesen Sie im Folgenden ihre Ausführungen:

Lehrer sind gefordert, sogar verpflichtet, sich dem Wandel der Zeit anzupassen und diese etwas andere Art von Lesekompetenz für sich zu erwerben. Lesen ist zu einem multimodalen Prozess geworden. Wikipedia definiert den Begriff folgendermaßen:

„Der Begriff Multimodalität bezeichnet die parallele Nutzung unterschiedlicher Sinneskanäle zur Übermittlung von Informationen. Ein Beispiel wäre ein abgedruckter Text der auch in einer Blindenschrift oder als Hörversion angeboten wird.“

Schon heute gibt es Schulen, die uns zeigen, dass die Zukunft des Lernens anders ausschauen kann. Laptopklassen und virtuelle Bibliotheken sind für diese Kinder Alltag und sie lernen schneller als wir Erwachsene, die Vorteile für sich zu nützen. Unsere Aufgabe wird es sein, den Anschluss nicht zu verlieren und so unseren Kindern und Schülern weiterhin ein Vorbild in Sachen Lesekompetenz zu bleiben. Denn wie auch in der Welt der Bücher brauchen sie Anleitung, wenn es darum geht, sich einen Weg durch das große Angebot an Informationen zu suchen und richtig mit der Fülle an Material umzugehen.

Die permanente Verfügbarkeit des Internets und der uneingeschränkte Zugang zu Informationen bergen Gefahren, die Schüler der letzten Generation noch nicht ausgesetzt waren. Der Auftrag, in der Schulbibliothek für ein Referat zu recherchieren, ein Einkauf in einem Buchgeschäft, das Bearbeiten der Klassenlektüre oder das Erledigen von Hausübungen beinhalteten noch vor wenigen Jahrzehnten eine Vorauswahl, die wir Lehrer für unsere Schüler trafen. Wir konnten uns sicher sein, dass die jungen Leute nicht mit Inhalten in Berührung kommen würden, die sie vielleicht überfordern könnten. Diesen Filter gibt es im Internet kaum mehr, da auch Kleine ohne Absicht über Webseiten stolpern, die nicht für ihre Augen bestimmt sind. Damit zurechtzukommen und sich dabei nicht in den Tiefen des Internet zu verlieren, ist etwas, womit die heutige Generation aufwächst, wobei sie aber sehr wohl die Unterstützung von uns Erwachsenen benötigt.

Erfolgsmeldungen aus Schulbüchereien wie der Fisher-Watkins-Library an der Cushing Academy in Massachusetts[1], die 20.000 Bücher durch TV-Flachbildschirme, Laptop-Arbeitsplätze, elektronische Bücher und 200 E-Reader  ersetzte, machen Hoffnung, dass dieser Weg der richtige für die Zukunft sein kann. Wahrscheinlich ist auch hier ein Kompromiss zwischen Alt und Neu die Lösung: Belletristik und manche Sachbücher sind weiterhin in der gedruckten Version erhältlich und mit dem Hauptziel des Bibliotheksleiters Tom Corbett, nämlich die Schüler zum Lesen zu ermutigen, egal ob Gedrucktes oder Digitales[2], können sich wahrscheinlich die meisten Lehrer identifizieren.

Dass die Zukunft des Lernens andere Möglichkeiten bieten kann und sich auch kontroverse Technologien wie das E-book durchsetzen werden, davon ist auch der Horizon Report 2010 überzeugt. [3] Studenten werden ihre Fachlektüre und ihre Nachschlagwerke ständig zur Verfügung haben und die Vorteile, die diese Arten des Lernens haben, entdecken.

Ob diese Vorteile auch auf den Alltag der Pflichtschulkinder anwendbar sind, wird sich erst nach Jahren intensiver Nutzung der neuen Medien und nach sorgfältiger Evaluation zeigen. Grafiken, Bilder und kleine Filme über iPhones oder iPads in den Unterricht einzubauen, kann das Erreichen der Unterrichtsziele unterstützen. Das Nachschlagen im Wörterbuch oder das Arbeiten mit dem Atlas sollten dabei aber nicht vernachlässigt werden, da diese Art der Recherche andere Fähigkeiten fördern. Informationen auf Knopfdruck zur Verfügung zu haben, birgt die Gefahr, den Überblick zu verlieren. Sich z.B. mit Hilfe des Navigationssystems zum Ziel leiten zu lassen hat den Nachteil, dass das Bild der Übersichtskarte im Gehirn nicht mehr abgespeichert wird und daher später auch nicht mehr zur Verfügung steht. Den Schülern sollte nicht vorenthalten werden, mühevoll nach Informationen suchen  zu müssen und dafür aber die Befriedigung des Findens erleben zu dürfen.

Wichtig ist, sich beim Einsatz von neuen Medien zu fragen, ob dieser auch den gewünschten Erfolg bringt. Findet dadurch einerseits wirklich mehr an Lesemotivation statt und ist andererseits das Ergebnis ein deutlich messbarer oder erfahrbarer  Informationsgewinn? Auch wenn die Jugendlichen mit der Verwendung von technischen Geräten kaum Probleme haben und sie für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Kommunikation und Verbindung mit der virtuellen Welt täglich einsetzen, schöpfen auch sie bei weitem nicht alle Möglichkeiten dieser Hilfsmittel aus. Es ist also die Aufgabe des Lehrers, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob der Aufwand, sich mit der Benutzung der Technologie vertraut zu machen, gerechtfertigt ist und ob der Einsatz derselben dann wirklich eine Erleichterung darstellt.

Natürlich ist nichts verloren, was Kinder je lernen. Allerdings dürfen wir unsere Unterrichtsziele nicht aus den Augen verlieren, während wir bemüht sind, den Wissenserwerb für unsere Schüler möglichst attraktiv zu gestalten. Wie Lehrer und Schüler gemeinsam das Ziel erreichen, ist nicht wichtig – solange beide Seiten auf ihre Kosten kommen. Der Lehrer ist verantwortlich dafür, eine bestimmte, möglichst evaluierbare Menge an Lehrstoff zu vermitteln und der Schüler soll dieses Wissen mit möglichst geringem Aufwand, dem größtmöglichem Spaß am Lernen und der größtmöglichen Nachhaltigkeit erwerben. Wenn Lehrende und Lernende diesen Weg gemeinsam gehen und dabei neue Medien als Unterstützung eingesetzt werden können, ist der optimale Leseunterricht wahr geworden.

Grenzen der Multimodalidät

Die Möglichkeiten des Internets zu nutzen und es für seine eigenen Bedürfnisse richtig einzusetzen, kann sicher erst gelingen, wenn der Schüler ausreichende Lesekenntnisse besitzt. Es ist wünschenswert, mit Unterstützung durch das Internet das Lesen zu üben und andere technische Hilfsmittel zu nützen, um schon vorhandene Fähigkeiten zu trainieren. Allerdings ist das „gute alte Lesebuch“ sicher unersetzlich, wenn es darum geht, die ersten Schritte in die Welt der Buchstaben zu tun. Erfahrungen haben gezeigt, dass ein großer Teil der Schüler und Schülerinnen an der PTS Probleme hat, mit Texten zurechtzukommen, in denen die Geschehnisse nicht chronologisch ablaufen, die zu viele Fremdwörter und schwierige grammatikalische Strukturen aufweisen oder die zu weit von ihrer Erfahrungswelt entfernt sind. Dass für solche Schüler auch die Recherche im Internet ein unlösbares Problem darstellen kann, versteht sich von selbst. Von einem Link zum nächsten, von einer Seite zur anderen, die Hoffnung, dass der folgende Link vielleicht Verständnisschwierigkeiten beseitigen wird – oder wirft er nur neue Fragen auf, verstricke ich mich immer tiefer in dieses „Netz“? Eine andere Art von Lesekompetenz – „Literacy“ – ist hier gefragt: das Umgehen mit einem Überangebot von Informationen, das Herausfiltern von Wichtigem aus einer Fülle von (für mich im Moment) Unwichtigem. Und trotzdem geht es auch hier um grundlegende Dinge: den Sinn zu erfassen, seine Schlüsse zu ziehen, mit vorhandenem Wissen abzugleichen und die Essenz des Gelesenen für die eigenen Bedürfnisse einzusetzen. 

Dem Leseknick entgegensteuern

In der Pubertät findet eine tiefgreifende Umstellung der Lesegewohnheiten statt und die Ansprüche, die die Jugendlichen an ihren Lesestoff stellen, ändern sich ebenfalls. Einfache Geschichten, Märchen und Fantasiegestalten haben in der Welt der jungen Leute keinen Platz mehr. Sie suchen nach Lösungen für ihre eigenen Konflikte und Probleme und wollen wissen, wie andere die Anforderungen des Erwachsenenwerdens bewältigen. Leseerfahrungen werden mit Gleichaltrigen geteilt und die Auswahl der Bücher wird immer mehr von den Altersgenossen beeinflusst. Literatur kann Antworten bei der Suche nach dem Sinn des Lebens und nach Wegen und Zielen bieten. Diese Antworten wollen diskutiert und erörtert werden und das Lesen kann eine Grundlage sein, am gesellschaftlichen und politischen Leben aktiv teilnehmen zu können.

Um diese Umstellung zu erleichtern oder den Leseknick, der bei vielen jungen Menschen während des Übergangs von Kinder- auf Jugend- oder Erwachsenenbücher stattfindet, abzuschwächen, ist der Einsatz der neuen Medien von Nutzen. Die Lesemotivation durch die Verwendung anderer Medien kann sehr stark sein und es ist möglich, dass sich die Jugendlichen so den Zugang zum geschriebenen Wort bewahren.

Gerade wenn Jugendliche anfangen, den Büchern und Geschichten zu entwachsen, die ihre Fantasie beflügeln und ihnen einfache Lösungen für einfache Probleme angeboten haben, wenn sie das Bedürfnis haben, neue Leseerfahrungen zu machen und wenn sich ihre Interessen ändern, ist ein guter Zeitpunkt, andere Lesemodi zur Verfügung zu stellen.

Mobiltelefone, iPads und iPhones sind in erster Linie Mittel zur Kommunikation. Diese Möglichkeiten zur Verständigung mit Freunden werden besonders von Jugendlichen im Alltag ausgiebig genützt. Was liegt näher, als diese Technologien auch für die Umsetzung des Unterrichtsprinzips Leseerziehung einzusetzen.

Margit Böck berichtet in der Radiosendung „Dimensionen“ [4] über die Ergebnisse einer PISA Zusatzstudie, die besagt, dass SMS gerne auch von Kindern gelesen werden, die Probleme mit dem Lesen haben und sieht hier den Ausgangspunkt für schülergerechte Leseförderung. „Anfangen muss ich, womit Kinder vertraut sind.“ Den Vorwurf, dass Kinder dann bei Alltagstexten „steckenbleiben“, weil sie Kataloge, Comics, SMS und Mails lesen, sieht sie als ungerechtfertigt. Die Aufgabe der Lehrer sei es dann, die Schüler zu anderen, schwierigeren Textarten hinzuführen. Auch fordert Margit Böck, alle Kanäle zu nutzen, die Kinder beim Lernen unterstützen und erwähnt hier das Stichwort Multimodalidät.

Neue Herausforderungen

Prof Dr. Nicola Döring (TU Ilmenau) weist in ihrem Artikel „Mailen, Posten, Chatten, Mudden, Simsen“ auf die Vorteile dieser neuen Arten zu kommunizieren hin: [5]

„Der Trend zu neuen Kommunikationsformen erscheint aus kulturkritischer Sicht nicht nur als Sprach-, sondern sogar als Kulturverfall. Dieser Position stehen Stimmen gegenüber, die den Umgang mit technisch mediatisierter Schriftkommunikation als Motor für Sprachvariation und soziale Normierung begrüßen. Denn um bei physischer Distanz im Medium der Schriftlichkeit sinnvolle Gespräche mit Bekannten wie Unbekannten, zu zweit und in Gruppen zu führen, ist besondere Schreib- und Lesekompetenz gefragt: Wegen fehlender nonverbaler Kommunikation müssen Gefühle und Befindlichkeiten in stärkerem Maße in Worte gefasst werden, was emotionale Expressivität und Intimität fördert.“

Dass diese Veränderung der Lesegewohnheiten auch vor uns Erwachsenen nicht Halt macht, beweisen Aussagen wie die von Michael Achleitner: [6]

„Lesen ist weniger erlebnis- als ergebnisorientiert. In letzter Zeit ertappe ich mich selbst häufig dabei, dass ich beim Zeitunglesen neben Überschrift und Lead maximal noch den Schluss des Artikels lese. Bei Büchern werde ich ebenfalls immer ungeduldiger und fange schon nach wenigen Seiten an das Buch „querzulesen“, also mir möglichst rasch nur einen Überblick über das Buch zu verschaffen. Dafür lese ich mehrere Bücher parallel. Ebenso auf meinem iPad, auf dem ich mich vorwiegend durch Magazine und Zeitschriften scrolle. Wie viel ich im Internet lese, kann ich gar nicht mehr sagen. Und auch nicht, ob man das, was ich da tue, überhaupt noch als „Lesen“ bezeichnen kann.“ 

Auswirkungen und Folgen dieser neuen, veränderten und sich immer noch rapide verändernden Lesekultur zu erforschen, wird die Aufgabe der Wissenschaft in den nächsten Jahren sein. Die allgemein herrschende Meinung, dass dieses Gebiet noch viel Unbekanntes birgt, drückt Micheal Achleitner folgendermaßen aus: [7]

„Systematisch ist dieser Fragestellung bisher allerdings noch keine neuere Lesestudie nachgegangen. Das Internet ist das große schwarze Loch in der zeitgenössischen Leseforschung. Bis erste Ergebnisse vorliegen, kann man deshalb nur festhalten: Wir lesen noch, wir lesen vielleicht sogar mehr als früher. Aber wir lesen anders.“



[1]Fisher-Watkins-Library: www.cushing.org/library  (29.10. 2011)

[2]vgl. Kremsberger, Simone. In: Büchereiperspektiven 04/10 (2010) S 23

[3]Horizon Report 2010 auf Deutsch. www.mmkh.de/upload/dokumente/2010-Horizon-Report-de.pdf(29.10.2011)

[4]ORF Radio Ö1, Dimensionen, „Kulturen des Lesens und Schreibens“  oe1.orf.at/dimensionen (07.10.2011)

[5]Döring, Nicola: „Mailen, Posten, Chatten, Mudden, Simsen – Interaktion und Partizipation per Tastatur“ In: Schüler. Lesen und Schreiben (2003) S 35-44

[6]Achleitner, Michael: Hurra, wir lesen noch – aber anders! http://www.literacy.at/index.php?id=221 (19.11.2011)

[7]Achleitner, Michael: Hurra, wir lesen noch – aber anders! http://www.literacy.at/index.php?id=221 (19.11.2011)

Text: Birgit Rea

Bildquelle: 
bilder.tibs.at/Andreas Markt-Huter

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