Lost in Cyberspace

Nintendo Gameboy erste Generation (Wikimedia Commons)Ich kenne da jemanden, der - wenn er an einem PC Platz genommen hat - sich sofort ins WEB klickt und seine Emails checkt . Das macht er allerdings nicht nur einmal am Tag, sondern - wenn er sich ehrlich beobachtet - bis zu 100 mal. "Never lose the contact." könnte man meinen. Doch ganz ist dem nicht so, denn immerhin sitzen ihm gegenüber auf der anderen Seite der Leitung ebenso viele Menschen, die sich ähnlich verhalten. Sie senden - und das Gegenüber?- soll das Gesendete lesen. Und meistens hat es mit Beruflichem zu tun, auch wenn es es nicht immer wirklich wichtig ist. Aber was ist denn schon wirklich wichtig außer Gesundheit und positiv empfundenem Lebenssinn.

Doch ich kenne diesen JEMAND auch in Situationen, da zwingt ihn NICHTS zum Mausklick und Tastaturanschlag, da wäre er befreit davon, niemand säße ihm im Nacken und er könnte sich befreien von Monitor und Tastatur, von Accounts und Messages, von digitalen Signalen und und und.

Trotzdem, es gelingt ihm nur selten, denn das Ding vor ihm verspricht Beschäftigung, und lässt ihn nicht ruhen in seiner Mitteilungsbereitschaft. So schlägt und klickt er sich selbst als ob der Teufel in ihm säße. Da fallen die Steine von oben nach unten und er dreht sie und passt sie ein, so lange, bis er beim Einschlafen sie noch vor seinen Augen fallen und einpassen sieht. Seit Jahren spielt er dieses Spiel - angeblich zur Entspannung - und es ist eines der Genialsten in der Computergeschichte, so zumindest empfindet er so. Schon mit seinem Sohn hatte er Wettkämpfe am allerersten GAMEBOY um den höchsten SCORE.

Man könnte meinen, er sei süchtig danach, und wahrscheinlich ist das auch so, allerdings kommt es immer darauf an, welchen Grad an Abhängigkeit man als "krankmachend" oder "entspannend" sieht - denn noch immer gilt das alte Gesetz von Paracelsus, das besagt, dass die DOSIS das GIFT macht. So verhält es sich auch mit TETRIS, mit meinem Lieblingsspiel - und der JEMAND bin ICH.

Doch bleiben wir am Boden - ich habe wegen TETRIS noch nicht meine Arbeit vernachlässigt, ich habe in meinen Beziehungen TETRIS nicht vorgezogen und fühle mich auch nicht eingeschränkt, wenn ich nicht TETRIS spielen kann, weil einfach kein TETRIS da ist, und so ergeht es mir auch mit meinen EMAILS. Sie gehen mir nicht ab, wenn ich auf einer langen Urlaubsreise bin. Zigaretten jedoch sehr wohl, denn ich bin obendrein noch RAUCHER.

So fällt es mir nicht leicht, das immer wieder heraufbeschworene SUCHTPOTENTIAL von PC-Spielen zu beurteilen, denn ich könnte es an meinen persönlichen Abhängigkeiten messen. Und hier ist sicherlich das NIKOTIN die am stärksten wirkende Kraft.

Die Tatsache bleibt, dass viele Menschen, nicht nur jungen Alters, Kontrollverluste erleiden bei geliebten Tätigkeiten, Genussmitteln, Suchtmitteln und Gewohnheiten. Der Cyberspace bietet nun seit 2 Jahrzehnten viele neue Verlockungen, und eine besonders bedeutsame Versuchung ist das Abdriften in Scheinwelten - so wie früher einmal Tennesse Williams es in seinerm Drama "Die Glasmenagerie" geschildert hatte, nur diesmal sind es keine zarten Figurinen, sondern gefräßige Monster, Spells und Feen mit enormen Oberweiten, Laserschwertern und sonstiger Unfug.

Suchen