Kurt Tucholsky wäre heute 125 Jahre alt geworden

Deutschland über Alles
Bildquelle: Wikimedia Commons; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Remarque_WWI_Tucholsky.jpg?public domain, 8.1.2015

"Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem nicht in irgendeiner Zeitung ein Bonmot von Tucholsky auftaucht oder auf einer Bühne ein Couplet von ihm vorgetragen wird. Knapp 70 Jahre nach seinem Tod ist sein Werk in der Öffentlichkeit noch sehr präsent. Journalisten und Künstler bedienen sich bereitwillig aus einem Fundus von rund 2900 veröffentlichten Texten. Denn es gibt kaum ein Thema, zu dem Tucholsky sich nicht treffend und zumeist auch witzig geäußert hat...." (Quelle: http://www.tucholsky-gesellschaft.de/; 8.1.2015)

Es wäre interessant, was er zu diesen derzeitigen Konflikten geschrieben hätte - angeblichen Konflikten zwischen Religionsgemeinschaften derselben Abstammung (alles Monotheisten, "Gott ist groß" " Großer Gott, wir loben dich")  - jedoch aus sozialen Umfeldern, die darauf schließen lassen, dass Religion nur ein Vorwand ist für dahinter offen zu Tage tretende soziale Ursachen, oftmals auch als Folgen lange zurückliegender imperialistischer Kolonialpolitik (was niemand so recht zugeben möchte) und auch Folgen einer neoliberalen Wirtschaft, die uns alle zu ZahnräderInnen des Gewinns weniger gemacht hat. Und nun stürzen sich die Feinde - die eigentlich Brüder und Schwestern sein sollten in ihrem gemeinsamen Unglück der Hoffnungslosigkeit - aufeinander. Die wahren Feinde stehen dahinter und schüren das Feuer des Hasses, wie eh und jeh, doch wir erkennen sie wieder nicht. Daraus werden sie ihre neue Macht und Einfluss ziehen, wie eh und jeh - und wir werden ihnen wieder unsere Leben opfern. Schwarz gegen weiß, Alt gegen Jung, Christ gegen Muslim, Mann gegen Frau, Schwul gegen Hetero, Vegan gegen Carnal, Oben gegen Unten, Links gegen Rechts, Mitte gegen Außen, Jeder gegen Jeden, Staat gegen Individuum (oder immer verkehrt).

Mich verblüfft immer wieder die "zufällige" Aufeinanderfolge bestimmter Ereignisse. Zuerst das Erwachen dieser seltsamen patriotischen Europäer in Dresden - und dann dieses gegenteilig dazupassende Massaker an französischen Karikaturisten. Beide Extreme spielen einander zu, wie beim Tennis. Sie "schaukeln" einander zu. Und irgendwann ist man mitten drin, selbst wenn man draußen sein möchte. Ein paar Jahrzehnte später - nach den mörderischen Katastrophen - erfahren unsere EnkelInnen dann, wie all der Schrecken wirklich verschuldet wurde.

Doch eines weiß ich ganz gewiss. Die MuslimInnen meiner Klasse kennen weder PEGIDA noch verehren sie Grausamkeiten islamischer Fundamentalisten. Dasselbe kann ich von den Noch-Getauften Christen behaupten, die sich nicht zu Ostern geisseln oder jedes Bibelwort in ihr Sein internalisieren wollen.  Ich bin nun sogar froh, dass derzeit ihre wirklichen "GötterInnen" Smartphone, IKEA, PRINGLES oder MACkie sind. Diese scheinen mir weniger "tödlich" zu sein.

Wir sollten unseren Kindern eher positive Beispiele des Zusammenlebens zeigen - wenn möglich auch vorleben -  als den Hasstiraden der ZerstörerInnen Glauben zu schenken. Ich denke, dass diesbezüglich Herr Tucholsky auf meiner Seite gewesen wäre.

Krieg dem Kriege

        Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
        Zeit, große Zeit!
        Sie froren und waren verlaust und haben
        daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
        weit, weit -!

        Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
        Und keiner, der aufzubegehren wagt.
        Monat um Monat, Jahr um Jahr . . .

        Und wenn mal einer auf Urlaub war,
        sah er zu Haus die dicken Bäuche.
        Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
        der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
        Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
        »Krieg! Krieg!
        Großer Sieg!
        Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!«
        Und es starben die andern, die andern, die
                                                     andern . . .

        Sie sahen die Kameraden fallen.
        Das war das Schicksal bei fast allen:
        Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
        Ein kleiner Fleck, schmutzigrot -
        und man trug sie fort und scharrte sie ein.
        Wer wird wohl der nächste sein?

        Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den
                                                     Sternen.
        Werden die Menschen es niemals lernen?
        Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
        Wer ist das, der da oben thront,
        von oben bis unten bespickt mit Orden,
        und nur immer befiehlt: Morden! Morden! -
        Blut und zermalmte Knochen und Dreck . . .
        Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
        Der Kapitän hat den Abschied genommen
        und ist etwas plötzlich von dannen
                                                     geschwommen.
        Ratlos stehen die Feldgrauen da.
        Für wen das alles? Pro patria?

        Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
        Brüder! das darf nicht wieder sein!
        Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
        ist das gleiche Los beschieden
        unsern Söhnen und euern Enkeln.
        Sollen die wieder blutrot besprenkeln
        die Ackergräben, das grüne Gras?
        Brüder! Pfeift den Burschen was!
        Es darf und soll so nicht weitergehn.
        Wir haben alle, alle gesehn,
        wohin ein solcher Wahnsinn führt -

        Das Feuer brannte, das sie geschürt.
        Löscht es aus! Die Imperialisten,
        die da drüben bei jenen nisten,
        schenken uns wieder Nationalisten.
        Und nach abermals zwanzig Jahren
        kommen neue Kanonen gefahren. -
        Das wäre kein Friede.
                                          Das wäre Wahn.
        Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
        Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
        Und die Menschheit hörts, und die Menschheit
                                                     klagt.
        Will das niemals anders werden?
        Krieg dem Kriege!
                                     Und Friede auf Erden.

         Theobald Tiger (alias Kurt Tucholsky)
         13.06.1919

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