Die Novemberpogrome 1938 - zum 73. Jahrestag

Brennende Berliner Synagoge 1938 9. November

Vor 73 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, brannten im damaligen Deutschen Reich die Synagogen und viele andere jüdische Einrichtungen, Bethäuser und Geschäfte. 

Am 7. November hatte ein junger jüdischer Mann namens Herszel Grynspan ein Attentat auf den Legationsrat von Rath in Paris verübt. Das diente den Nationalsozialisten zum Vorwand für brutalste Übergriffe auf jüdische Mitbürger und eine Verschärfung der antijüdischen Maßnahmen.

Auf planmäßige Anordnung durch das Reichspropagandaministerium und dessen Minister Joseph Goebbels "entlud sich der Volkszorn spontan" (wie es die NS-Zeitungen und Goebbels selber ausdrückten), am Abend des 9. November im gesamten Reichsgebiet. Von "Volkszorn" bzw. "spontan" konnte freilich keine Rede sein. 

Vielmehr nahm die Führung des Nationalasozialisten das Attentat zum willkommenen Anlass, ihre antijüdische, rassistische Politik systematisch fortzusetzen. So wurden noch in der frühen Nacht vom Propagandaministerium aus Telegramme verschickt, in denen Anweisung gegeben wurde, eine bestimmte Zahl möglichst vermögender Juden festzunehmen und ihr Vermögen und ihre Wohnungen zu beschlagnahmen. SA - Männer hatten den Auftrag, jüdische Einrichtungen zu zerstören, anschließend aber zu bewachen, damit es keine Plünderungen gebe. Die Eigentumswerte der Verfolgten reklamierte der NS-Staat für sich. Die Wohnungen wurden zur Übergabe an "arisch-stämmige" Deutsche vorgesehen. 

Die jüdischen Familien wurden in ihren Wohnungen misshandelt, vielerorts wurden Männer gefangengesetzt und häufig in nähergelegene KZs deportiert, die Wohnungen selber leergeäumt und verwüstet.

Nach der Nacht vom 9. auf 10. November (von der NS- Propaganda verniedlichend "Reichskristallnacht" bezeichnet) gingen die Ausschreitungen auch am nächsten Tag weiter (obwohl seit den Morgenstunden des 10. weitere Angriffe untersagt wurden). In manchen kleineren Orten herrschte erst am 12. wieder Ruhe. Die Gesamtbilanz der Schreckenstage waren mindestens 400 Tote, annähernd 30.000 Verhaftete und Deportierte, 1406 zerstörte Synagogen (praktisch alle Synagogen auf deutschem Reichsgebiet) und unzählige verwüstete Geschäfte. Die menschlichen Schicksale und Schrecken, die sich hinter diesen Zahlen verstecken, sind nicht annähernd abzuschätzen. 

Es bleibt festzuhalten, dass die Verfolgungen des 9. November auf österreichischem Gebiet (der damaligen "Ostmark") zu den schwersten gehörten - allein in Wien wurden 30 jüdische Mitbürger getötet, 7.000 verhaftet - praktisch ein Viertel der im gesamten Deutschen Reich Inhaftierten. Circa 4.000 wurden sofort ins KZ Dachau weiter verschleppt.  Auch in den größeren österreichischen Städten wurden Juden verfolgt und Geschäfte zerstört. In Innsbruck wurden 4 Männer ermordet, 25 Familien terrorisiert und ca. 100 Menschen verletzt.

Diese Novemberpogrome waren rückblickend der Startschuss für eine verschärfte antijüdische Politik der NS-Führung, die schließlich in den Beschlüssen der Wannsee-Konferenz und der Vernichtungspolitik des Dritten Reichs gipfelten. Schon am 10. November wurde der Ausschluss der Juden aus dem Wirtschaftsleben des Deutschen Reichs beschlossen.

Die Aufräumkosten - nur um den Zynismus der Machthaber zu demonstrieren - mussten die Betroffenen selber bezahlen.

Auch wenn diese entsetzlichen Ereignisse nunmehr fast ein dreiviertel Jahrhundert her sind - vergessen dürfen wir sie nie, gerade wenn heute wieder mit neuen Feindbildern hantiert und politisch bewusst kalkulierend Gräben zwischen Bevölkerungsteilen aufgerissen werden.

Links: 

Suchen