"Die Gabe" - ein ethnologischer Buchklassiker von Marcel Mauss

Bildquelle: Wikimedia commons/Deutsches Bildarchiv 1951

"Die Gabe" - im französischen Original "Essai sur le don" - dieses Werk gilt heute, knapp 90 Jahre nach seinem Erscheinen, als Klassiker der ethnologischen Literatur. In diesem Buch unternahm der französische Anthropologe Marcel Mauss den Versuch, das Phänomen des Gebens und Nehmens als Grundlage der frühen Gesellschaften zu bestimmen. 

Mauss, der sich vor allem auf die Feldforschung Bronislaw Malinowskis in Melanesien bezog, wollte nachweisen, dass das Geben von Gaben in ursprünglichen Gesellschaften soziale Strukturen und Zusammenhalte erst ermöglichte. Seefahrer, die auf eine neue Insel kamen, mussten bestimmte Geschenke übergeben, die von den Empfängern nach einer bestimmten Zeit weiter gegeben mussten. Manche dieser Geschenke durften nur im Uhrzeigersinn, andere nur gegen den Uhrzeigersinn weitergegeben werden, was bedeutete, dass einerseits ganze Inselketten irgendwann in den Genuss der Geschenke kamen und dass andererseits die Gaben auch wieder an den Geber zurück kehrten. Diese Gaben waren für die Empfänger also ohne großen unmittelbaren Nutzen. Sie waren auch nicht Ausdruck eines Handels sondern rituelle Begleitung für echten Handel. 

Mit der Analyse dieser und anderer Tauschrituale (z,B des Potlatch bei den Kwakiutl-Indianern), die keinen Handel im klassischen Sinn bedeuten, konnte Mauss zeigen, dass es nicht-kommerziellen Gütertausch gibt, dessen Zweck der Zusammenhalt einer Gesellschaft oder die Anbahnung gesellschaftlicher Beziehungen und nicht gewinnorientierter Handel ist.

Mit dem Entstehen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, so Mauss, sei der ursprüngliche Zusammenhalt von Gesellschaften unter gegangen, da nur noch Gewinnorientierung und Profit Ziel von Handel geworden sei.

Mauss Werk ist vor dem Hintergrund der frühen Ethnologie zu sehen, die von einer Evolution der Gesellschaften von einfachen zu komplexen Phänomenen ausging. Gleichzeitig spricht aus "Die Gabe" aber auch ein Bedauern über den Verlust ursprünglicher sinnstiftender Tätigkeiten durch einen steigender Primat der Wirtschaft.

Das Buch bietet sich als Einstieg in komplexe ethnologische Fragestellungen an, es ist leicht lesbar und auch trotz seines Alters immer noch interessant und inspirierend. Viele Philosophen und Ethnologen des 20.Jahrhunderts bezogen sich ausdrücklich auf Mauss´ Buch (Derrida, Clifford Geertz und viele andere).

Links:

Bildquelle: 
Wikimedia commons/Deutsches Bildarchiv 1951

Suchen