Die Angst vor der nächsten PISA-Testung

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"Tirol bei Pisa deutlich schlechter als Südtirol (Standard, 06. April 2011, 10:25)

Mögliche Ursachen: Kinder der ersten bis achten Schulstufe werden gemeinsam
unterrichtet

Innsbruck - Die Südtiroler Schüler haben bei Pisa deutlich besser abgeschnitten als ihre Kollegen im Bundesland Tirol. In Nord- und Osttirol wurden beim Pisa-Test 31 Prozent (Ö: 28 Prozent) der getesteten Schüler im Lesen in die Risikokategorie eingeordnet. Unter den Schülern mit deutscher Muttersprache in Südtirol waren es 15,9 Prozent, hieß es am Dienstagabend bei einer Veranstaltung der Arbeiterkammer Tirol in Innsbruck.

"Ich lese nicht zum Vergnügen": Im Bereich Lesen lagen im Bundesland Tirol Schüler mit 463 Punkten (Ö: 470) unter dem OECD-Schnitt von 493. Dem Satz "Ich lese nicht zum Vergnügen" wurde im Bundesland Tirol von 64 Prozent der Buben und von 44 Prozent der Mädchen zugestimmt. Der OECD-Wert lag bei 37 Prozent. Auch im Bereich Mathematik befanden sich Nord- und Osttiroler mit 493 Punkten (Ö: 496) knapp unter dem OECD-Schnitt von 496. Auch im Bereich Naturwissenschaften waren die Ergebnisse wenig erfreulich (T: 492 Punkte, Ö: 494, OECD: 501). Die Südtiroler Schüler mit deutscher Muttersprache schnitten im Lesen überdurchschnittlich ab. Insgesamt lagen die Südtiroler beim Textverständnis leicht unter dem OECD-Schnitt. In Mathematik und Naturwissenschaften waren die Ergebnisse der Südtiroler insgesamt deutlich besser als in den meisten OECD-Ländern. ..." (Quelle: Der Standard)

Das Gereiere um PISA geht mir persönlich so was auf die Nerven. Heute kam 'ne Mail vom BIFIE, dass ich mit meiner Englischgruppe unbedingt bei dieser oder jener Testung teilnehmen sollte - mit Hinweis der Direktion, es sei sehr wichtig. Wenn ich mir dann anschaue, was dort zu leisten wäre - und ich meine Schulumgebung anschaue - dann muss ich den Rest meiner Unterrichtszeit bis Unterrichtsjahrende nur mehr auf diese Testung hintrainieren. Die Lehrbücher haben wir umsonst bestellt und das Kopienkontingent erschöpfe ich natürlich, denn alle Arbeitsmaterialien sind natürlich selbst zum Ausdrucken. Den DeutschlehrerInnen wird es nicht anders ergehen.

  • Warum werden immer wieder LehrerInnen und "UntertagserzieherInnen, sprich Hortpersonal etc." dafür verantwortlich gemacht, dass ein großer Prozentsatz dieser sogenannten Zivilgesellschaft gerade mal die Kronenzeitung am Sonntag liest, und dann nur deshalb, weil diese illegal-gratis im Plastiksackerl vor der Haustüre hängt?
  • Warum werden immer wieder LehrerInnen und "UntertagserzieherInnen, sprich Hortpersonal etc." dafür verantwortlich gemacht, dass der schnöde Mammon in Form von Mobiltelefonen und SUVs weitaus wichtiger geworden ist als schöne und interessante Bücher?
  • Warum werden immer wieder LehrerInnen und "UntertagserzieherInnen, sprich Hortpersonal etc." dafür verantwortlich gemacht, dass es wichtiger ist 7 Satellitenschüsseln am Balkon aufzuhängen, als einmal in einer Buchhandlung vorbei zu schauen, um für Kinder altersentsprechende Literatur zu erwerben? Sind H&M und KiCK wirklich das Paradies?
  • Warum werden immer wieder LehrerInnen und "UntertagserzieherInnen, sprich Hortpersonal etc." dafür verantwortlich gemacht, dass ein gewisser Anteil an "erziehenden Außerschulischverantwortlichen" völlig versagen in ihrem Auftrag?
  • Warum werden immer wieder LehrerInnen und "UntertagserzieherInnen, sprich Hortpersonal etc." dafür verantwortlich gemacht, dass bestimmte Eltern selbst nicht mehr lesen können, geschweige denn vorlesen können?
  • Warum werden immer wieder LehrerInnen und "UntertagserzieherInnen, sprich Hortpersonal etc." dafür verantwortlich gemacht, dass Migrantinneneltern hier in diesem Land Literatur und Kinderbücher in ihrer Sprache sehr schwierig oder gar nicht finden?
  • Es gibt noch viele Fragen dazu. Wie wäre es, alle Modegeschäfte und Elektronik-Cities dazu zu vergattern, einfach im Eingangsbereich auch Bücher verkaufen zu müssen, und zwar gut bepreiste, ansprechende Bücher? So wie jeder Supermarkt auch Kaugummi und Kirschwasser an der Kassa hängen hat?
  • Heißt es nicht immer seitens der Wirtschaft, dass "der Markt" alles regelt? Dann sollen sie mal regeln, und nicht reflexartig jegliche Schuld an der Lesemisere auf Schulen und LehrerInnen abschieben.

Ich habe da meine eigenen Erfahrungen gemacht mit meiner derzeitigen, relativ leistungswilligen und interessierten Klasse (zur Zeit im Alter von 12-14 Jahren). Als ich die Klasse übernahm stellte ich mein ausrangiertes ebenerdiges großes Bücherregal in die Klasse und füllte es an mit ca. 200 GEO-Heften, 50 PM-Heften, 100 National Geographic-Heften, dann mit einer Menge an Sachbüchern wie Atlanten, Tierbüchern, Technikbüchern und visuellen Lexikas, alles zusammen in einem Gegenwert von ca. 3000 bis 4000 Euros aus meiner persönlichen Sammlung. Und dann habe ich beobachtet, wer darauf zugreift von diesen 18 Kindern.

Ob Sie es glauben oder nicht - es ist - ein Einziger, und der ist dafür ein Leseextremist. Er liest schon wenn er sich morgens hinsetzt, dann während der Stunde, wenn ihn etwas langweilt. Er hat immer ein GEO-Heft aufgebreitet und daneben ein Zweites. Und -  er korrigiert mich in meinen Aussagen während meiner Erläuterungen, da er in vielen Bereichen (er ist 13) bereits mehr weiß wie ich (ich werde 57).

Doch der Rest - eigentlich der "große Großteil" - hat meine Initiative noch nie bzw. kaum in Anspruch genommen. Wie sollen Lesepaten dann diese Aufgabe bewältigen? Vielleicht würde ein Gesetz gegen das Anbringen von 7 Satellitenschüsseln etwas bewirken? Oder in 30 Jahren der eingepflanzte CHIP in der Birne, dass mir nach 60 Minuten vor einem TV-Monitor plötzlich schlecht wird (a la Clockwork Orange). Lesen in der Schule? Vom Lehrer initiert und dann vielleicht auch noch im Unterricht verwendet oder gar zur Leistungsbeurteilung herangezogen? Nein danke. Vielleicht in homöopathischen Dosen, ja, aber nicht in dauerhafter Zwangsbeglückung - das wird das Lesen noch grauenhafter machen. Und wir LehrerInnen werden immer stärker zu meckernden Sündenböcken/geißen umfunktioniert.

Und im übrigen bin ich der Meinung, dass die vielen Millionen Menschen, die nicht lesen können, weil sie nie die Chance dazu hatten diese Fertigkeit (SKILL) zu lernen, auch keine "Trottel" und ebenso wertvoll wie jeder andere Mensch auf dieser Welt sind .

Klug wird man aus Erfahrung.

Diese Chance hat jede/r, selbst wenn er/sie zum Analphabete/in verdammt wurde.

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