Blattformen – das weiße Blatt als Ausgangspunkt im Lesen und Lernen

Blattformen
Bildquelle: bilder.tibs.at/Sibylle Heinz-Grasberger

 

Blattformen in der Lesekultur sind nicht eine weitere Methode im Methodenrepertoire des Lehrers, um Texte mit den Schülern zu erschließen, sondern ein vielseitiger und moderner, vor allem ein schülerorientierter Ansatz für den Unterricht in fast allen Fächern.

Wenn Blattformen überhaupt als Methode zu betrachten sind, dann als übergeordnete, die Raum lässt für viele individuelle Herangehensweisen.

Blattformen sind das Ergebnis eines mehrjährigen, bundesweiten Projekts. Ausgehend von einer Impulsveranstaltung im Oktober 2007 in Strebersdorf taten sich Teilnehmer/innen aus 17 Schulen an 16 Standorten in ganz Österreich und aus unterschiedlichen Schultypen (12 Hauptschulen, 2 Praxisschulen, 2 AHS, 1 SPZ) zu einer Projektgruppe zusammen. 

Die Arbeit orientierte sich an drei von der Projektleiterin Sonja Vucsina formulierten Punkten:

  • Leitgedanken, ein gemeinsames Wollen
  • Ein einfaches, klares, dynamisches Werkzeug, das offen lässt zur Umsetzung [sic]
  • Und als Folge davon bewusste Änderung, Musterwechsel im Unterricht.

(vgl. Vucsina, Sonja: Blattformen im Lese-Con- Text. Beitrag für den net-1- Jahresbericht S. 17)

Als eine wichtige Grundlage bei der Entwicklung der Blattformen diente auch der Lernzyklus nach Andreas Müller. (www.beatenberg.ch)

Wie „funktioniert“ eine Blattform?

Die Schüler und Schülerinnen bekommen (alleine oder zu zweit) ein leeres Din-A 3- Blatt, das sie längs und quer in der Mitte falten. Sie erhalten so vier Felder, die sie links oben beginnend im Uhrzeigersinn nummerieren.

Das erste Feld ist der Orientierung gewidmet. Der Schüler begegnet einem Thema. Das kann über Texte unterschiedlichster Art, über das Hören eines Liedes oder  das Betrachten eines Bildes geschehen. Was auch immer der Lehrer/die Lehrerin  für geeignet erachtet, um die Schüler und Schülerinnen anzusprechen, kann hier, in der Phase der Orientierung, zum Einsatz kommen. Im ersten Feld hält der Schüler das Thema (schriftlich oder grafisch) fest. Der Schüler kommt ins Tun, wählt aus, nimmt.

Das zweite Feld dient dem Antizipieren. Der Schüler denkt über das Thema nach, überfliegt den Text, hält seine „Vorahnungen“  fest, knüpft an das an, was er zum Thema schon weiß, nennt Assoziationen, Erinnerungen, Ideen zum Thema. Hier liegt die große Chance, Lesen  als intensiven Prozess persönlicher Auseinandersetzung mit einem Text zu erleben. Hier soll der Schüler / die Schülerin sich selbst mit ins Spiel bringen.

Im dritten Feld wird organisiert. Der Schüler/die Schülerin arbeitet am Text/am Thema, erschließt sich den Text, entwickelt seinen/ihren eigenen Lernweg, formuliert, redet mit jemanden darüber, er/sie „extrahiert“, was er/sie für wesentlich hält. Im Tun selbst, von den Mitschülern als Vorbild und Ideengeber und natürlich auch von den Lehrenden erhält  der Schüler nach und nach ein immer größeres Repertoire an Werkzeug zur Bewältigung dieser komplexen Anforderung.

Im vierten Feld wird über das eigene Arbeiten und über das Gelernte reflektiert. Der Schüler/die Schülerin soll über sein eigenes Tun, Denken und Lernen im Rahmen der Blattform reflektieren. Was war interessant? Was fiel mir schwer? Was hat mich verblüfft? Wie war die Zusammenarbeit mit einem eventuellen Partner? Warum habe ich so und nicht anders  zu dem Thema gearbeitet?

Für die Schüler könnte in einer Hinführung zur Arbeit mit der Blattform die Benennung der einzelnen Felder über unten angeführte Aufforderungen bzw. Fragen erfolgen: 

  1. Orientieren: Schaue dir die Überschrift, den Text, die Bilder an!
  2. Überlegen: Was weiß ich schon über das Thema? Was fällt mir dazu noch ein? Was habe ich gehört, gelesen, gesehen? Was möchte ich noch zum Thema erfahren?
  3. Erarbeiten: Was mach ich mit dem Text, damit ich ihn verstehe? Wie kann ich mir den Inhalt merken?
  4. Nachdenken: Wie bin ich mit meiner Arbeit zufrieden? Was war schwierig/leicht? Was war neu/interessant? Was denke ich über das Thema? Welche Bedeutung hat der Inhalt für mich?

Ingrid Schwaiger, Lehrerin an der Hauptschule St. Johann in Tirol, Mitentwicklerin und Pionierin in der Arbeit mit den Blattformen, lässt für geübte „Blattformschüler und Blattformschülerinnen“ jegliche explizite Aufträge oder Fragen weg. Sie versieht die 4 Felder mit Symbolen: ein leeres, aufgeschlagenes Buch für das erste Feld, eine Schatzkiste (!) für das zweite Feld, für das dritte Feld Werkzeug wie Schraubenzieher, Hammer oder Zange und das vierte Feld wird von einer Gedankenblase symbolisiert.

Auch die Buchstaben des Wortes „Oper“ können die vier Felder überschreiben:

  • O: Oh, ein Text (Buch, Bild, Film …)
  • P: Purzelnde Gedanken
  • E: Eintauchen ins Abenteuer
  • R: Rede darüber!

Blattformen sind eine bestechend einfache Antwort, auf viele Fragen, die sich im pädagogischen Alltag stellen:

  • Wie öffne ich meinen Unterricht, ohne mich in einer „Materialschlacht“ zu verlieren?
  • Wie gehe ich mit Heterogenität um und werde der Forderung nach Individualisierung gerecht?
  • Wie stärke ich in den Schülern das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten?
  • Wie kann der Schwerpunkt im Unterricht vom Lehrer auf den Schüler verlagert werden?
  • Wie werde ich dem Anspruch gerecht,  Lesen zur Sache aller Fächer zu machen?
  • Wie werde ich den Interessen der Schüler besser gerecht?

Neue Mittelschulen
Derzeit werden Hauptschulen zu Mittelschulen „umgebaut“,  Realienfächer werden zu Lernfeldern „zusammengelegt“ , der Unterricht „geöffnet“, und es bleibt zu hoffen, dass diese Zeit der Veränderungen mehr bringt als nur neue Schilder über alten Schultoren, neue Wortschöpfungen und Abkürzungen im Stundenplan.

Vielleicht birgt diese Zeit die Chance in sich, vom Bildungssystem der Bedarfsorientierung zum Bildungssystem der Humanorientierung zu finden.

Als Skills, als wichtigste Eigenschaften, die wir und unsere Schüler brauchen, werden  Eigenständigkeit, Selbstkompetenz, Teamfähigkeit und Emotionale Intelligenz genannt.

Eigentlich wissen wir ja längst, dass Lernen etwas hochgradig Emotionales ist. Schülern und Schülerinnen sollte die Chance gegeben werden, zu erfahren, dass das Lernen, das „Zu- Lernende“ etwas mit ihnen zu tun hat.  Verstehen heißt, aus etwas Fremdem mein Eigenes zu machen.  Das wird bei jedem Schüler und jeder Schülerin unterschiedlich ablaufen und nicht immer dem Prozess entsprechen, den wir Lehrer und Lehrerinnen gewohnt sind, als Lernen zu bezeichnen.

In den Blattformen trauen wir den Schülern zu, sich selbst auf höchst individuellen Wegen, Fremdes zueigen zu machen.

Auf dem Weg zu einer neuen Lernkultur sind 4 Megatrends zu erkennen:   Diversität, Relativität, Virtualität und Personalität. Allen vier Trends vermögen die Blattformen gerecht zu werden.  
(vgl. http://www.updatenet.net/index.php/Megatrends; 14.6.2011))

Diversität: Die Sozialisierungshintergründe unserer Schüler und Schülerinnen weichen oft stark voneinander ab. Wir sind mit Klassen und Gruppen konfrontiert, die in vielerlei Hinsicht heterogen sind. Jeder Schüler, jede Schülerin bringt Unterschiedlichstes mit. Die Blattformen nützen genau dies als Chance. Da jeder Schüler und jede Schülerin  dort anknüpfen darf und soll, wo er  oder sie Berührungspunkte zum Thema hat, ist Individualisierung möglich- und das ohne viel Differenzierungsaufwand durch den Lehrer oder die Lehrerin.

Relativität: Die Schüler und Schülerinnen sind (nicht nur) in der Schule mit einer ungeheuren Menge an Informationen konfrontiert. Der Teil, den sie  tatsächlich nutzen können, steht in keinem Verhältnis zum Angebot. In den Blattformen wählt der Schüler/die Schülerin  selbst aus dem Angebotenen das aus, was für ihn oder sie relevant ist.

Virtualität: Die Wahrnehmung unserer Schüler und Schülerinnen wird sehr stark von virtuellen Medien und Reizüberflutung geprägt. Die Blattformen wenden sich davon ab, indem sie sich der Kargheit des leeren Blattes verschreiben. Es liegt am Schüler/ der Schülerin, die Felder zu füllen. Auch wenn er mit Vorgegebenem arbeitet, bleibt er/sie auch „Produzent“.

Personalität: Die Bedeutung von sozialen und personalen Kompetenzen erlangt im Vergleich zu reinem Fachwissen immer mehr Bedeutung. Es wird immer wichtiger, sich selbst einzubringen. Auch diesem Trend werden die Blattformen gerecht. Schüler und Schülerinnen lernen, dass ihre ganz persönliche Herangehensweise an ein Thema relevant ist, sich von der anderer unterscheidet und wertgeschätzt wird.

Auf dem Weg zu einer neuen Lehr- und Lernkultur und als Reaktion auf neue Rahmenbedingungen in der Neuen Mittelschule kommt kein Lehrer und keine Lehrerin an einer Öffnung seines/ihres Unterrichts vorbei.

Sehr oft bleibt aber auch offener Unterricht lehrerzentriert. Die Lehrperson verlagert seine Wert- und Zielvorstellung auf das Material. Für die Schüler und Schülerinnen bleibt wieder die Rolle des  Rezipienten. Trotz gewisser organisatorischer Freiheiten kann oft noch nicht von offenem Unterricht gesprochen werden.

Eine echte Öffnung des Unterrichts gibt die Beziehung zwischen Stoff und Schüler/Schülerin frei. Sie verlangt den Lehrenden ein nicht unbeträchtliches Maß an Mut ab, da Fehler, Umwege und Stagnation ganz neu bewertet werden müssen. Sie sind Teil des Lernprozesses und müssen nicht vom Lehrer ausgemerzt werden. Die Blattformen können zu Recht als ein Mittel zur Öffnung von Unterricht bezeichnet werden. Sie bieten den Schülern und Schülerinnen methodische und inhaltliche Freiheiten.

Ein wichtiges Schlagwort zum Schluss darf unkommentiert bleiben: Lesen in allen Fächern

Ein leeres Blatt Papier kann alle Lehrenden dazu verlocken ...

Text: Rosa Schnellrieder

Bildquelle: 
bilder.tibs.at/Sibylle Heinz-Grasberger

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