Berlin

Brandenburger Tor
Bildquelle: bilder.tibs.at/Stefan Schwemmberger

Im Sommer 1976, ich hatte meine Maturaprüfungen erfolgreich hinter mir, trippte ich, wie es damals so üblich war, mit einem Rucksack und einem Interrail-Ticket durch Europa. Ich wollte viele Städte sehen und Berlin musste unbedingt dabei sein. Also kaufte ich mir, nachdem ich Paris, London, Edinburgh und Amsterdam visitiert hatte, einen Extrafahrschein für die Reise durch die DDR-Zone nach Westberlin.

Dort angekommen bestaunte ich die Ruine der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche und flanierte über den „Kudamm“. Am nächsten Tag startete ich zum Zonenübergang „Bahnhof Friedrich-straße“. Die Grenzkontrollen wurden mehr als penibel durchgeführt und dauerten über eine Stunde. Ich konnte als österreichische Staats-bürgerin ein Einreisevisum für 24 Stunden beantragen, was damals BRD-BürgerInnen nicht möglich war. Nach besagter Stunde und mehrfachen Gesichtskontrollen verließ ich die Bahnhofshalle auf der anderen Seite und betrat DDR-Staatsgebiet. Und es erschien mir, als lägen viele Stunden Reise zwischen Westberlin und Ostberlin. Auf der Chaussée „Unter den Linden“ waren wenige Leute auf der Straße unterwegs und davon verhältnismäßig viele Uniformierte mit riesigen Tellermützen auf dem Kopf. Als mich, nachdem ich mir das Gebäude der Humbold-Universität angeschaut hatte, auf dem Alexanderplatz ein Mann, der eine sehr altmodisch wirkende Aktentasche aus Leder bei sich trug, ansprach und mit mir ein Date für den Abend arrangieren wollte, schoss mir der Begriff „Stasi-Spitzel“ durch den Kopf. So beschloss ich, während ich freundlich lächelnd dem Treffen nach Büroschluss zusagte, Ostberlin noch vor Einbruch der Abenddämmerung zu verlassen. Wieder in Westberlin stieg ich auf einen Holzbau, der an Jagdhochstände erinnert, um über die Mauer sehen zu können, dort wo die Mauer doppelt war, in der Todeszone des Potsdamer Platzes, in dessen Mitte das Brandenburger Tor steht. Ich dachte an die berühmten Worte des US-Präsidenten J. F. Kennedy, der auch auf einen dieser Hochstände geklettert war bei seinem Berlinbesuch 1963.

Nach der Wende war ich mehrmals in Berlin, ich kenne neben den standard-mäßig zu besuchenden touristischen Attraktionen auch Außenbezirke, die weit im Osten der Stadt liegen. Mein zweiter Berlinbesuch 1992 war so knapp nach der Wende, dass mir das ehemalige Ostberlin in seiner Architektur mit zerschlissenen und zum Teil durch den Zweiten Weltkrieg zerbombten Fassaden noch deutlich wurde. Die Mauer ist am 9. November 1989 gefallen. Die euphorischen Stunden dieses Ereignisses bewegten die Welt. Endlich gehörten, was niemand für möglich gehalten hatte, die Zeiten des Kalten Krieges der Vergangenheit an. Die Zertrümmerung der Mauer war der Beginn einer neuen Ära. Kleine Stückchen der Betonmauer wurden überall auf den Straßen an Souvenierjäger verkauft und bei mir zuhause liegen auf meinem Ofen noch heute drei mit Graffitis besprühte Bruchstücke dieser Mauer.
Die Stadt Berlin, die 28 Jahre lang eingemauert war, hat sich erholt. Sie zeigt sich wieder als mondäne Hauptstadt Deutschlands und Metropole ersten Ranges. Mitten im Herzen von Berlin, am Potsdamer Platz, wo einst die Steppe des Todesstreifens gähnte, ragen glasverkleidete Bauwerke im Stil des 21. Jahrhunderts in den Himmel. Dort haben Weltkonzerne wie Sony oder Daimler ihre Niederlassungen und das urbane Leben pulsiert rund um die Uhr. Während meines letzten Berlinbesuches spazierte ich unbeschwert durch das so lange versperrte Brandenburger Tor, das jetzt umringt ist von Wolkenkratzern. Obwohl das Berliner Wahrzeichen noch auf seinem Platz steht, hatte ich stark den Eindruck, ich müsse erst danach suchen, so sehr verschwindet es unter all den Megabauten rundherum. Und wer denkt wohl heute noch, wenn er im Bahnhof Friedrichstraße in einen europäischen Hochgeschwindigkeitszug steigt, daran, dass dieser einstige Grenzübergang mit „Palast der Tränen“ betitelt wurde, wegen der unzählgen gescheiterten Ausreise- und Fluchtversuche aus der DDR? Vielleicht gar nicht mehr allzu Viele, denn immerhin sind bis heute schon 22 Jahre vergangen seit dem so Viele und so Vieles bewegenden Umbruch durch den Mauerfall.

Autorin:
Anita Eller

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Bildquelle: 
bilder.tibs.at/Stefan Schwemmberger

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