Auf zu neuen Ufern - Tiroler Siedlungen in Brasilien

Umzug mit Personen in Tiroler Tracht auf Pferden, im Hintergrund Palmen
Bildquelle: Trezetilias35 / commons.wikimedia.org/wiki/File:Trezetilias35.jpg / Dipl.-Ing. Franz Kölbl / CC BY 3.0

In Zeiten wie diesen, wo viele Menschen auf der Flucht sind, weil sie etwa in ihren Heimatländern verfolgt und unterdrückt werden oder sich einfach aufmachen um die eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern, sei daran erinnert, dass es auch Zeiten gab, in denen Tiroler sich auf den Weg gemacht haben um in anderen Weltgegenden ihr Glück zu finden. Ein solches Ziel war Brasilien.

Auf und davon

Ab der Mitte des 19.Jahrhunderts verließen viele Tiroler die Heimat und machten sich auf den Weg hinaus in die Welt um an anderen Orten ein neues Glück zu finden. Die Beweggründe werden bei den einzelnen Personen durchaus unterschiedlich gewesen sein, aber einige der folgenden Faktoren werden doch bei vielen in mehr oder weniger großem Ausmaß mitgespielt haben:

  • schlechte wirtschaftliche Lage in Tirol
  • Lähmung des privaten Kapitalmarkts durch Überschuldungen
  • eine traditionelle Erbfolge-Regelung, die vorsah, dass ein Hof an den ältesten Sohn vererbt wurde, alle anderen gingen leer aus

Es war somit vor allem für jene, die nicht das Glück hatten als Erstgeborene den elterlichen Hof zu übernehmen, schwierig an Land oder Kapital zu gelangen um sich eine Existenz aufbauen und letztendlich eine Familie gründen zu können. So war der Schluss das Land zu verlassen und an einem neuen Ort ein hoffentlich besseres Leben aufzubauen durchaus logisch, wenngleich er doch mit einem nicht unbeträchtlichen Risiko einherging. Nicht jede Auswanderergeschichte ist eine von Glück und Reichtum, die meisten handeln von harter Arbeit und Entbehrungen und einige sind auch Geschichten voller Tragik und unbelohnter Mühe. Wer auswanderte war also meist verzweifelt genug um das Risiko einzugehen oder war von jenem Pioniergeist beseelt, den man braucht um irgendwo im Nirgendwo etwas Neues aus dem Nichts aufzubauen.

Für die Auswanderungen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen dann noch folgende Motive hinzu:

  • Entgehen von Einberufungen zum Militärdienst
  • Flucht vor Verfolgung durch den Nationalsozialismus
  • Flucht vor Strafverfolgung

Brasilien - eine neue Hoffnung

Aber warum war für die Tiroler Auswanderer Brasilien, jenes Land, in das es sie zog, und nicht etwa die USA (wohin viele Europäer auswanderten) oder ein anderes südamerikanisches Land? Der Grund dürfte wohl darin zu finden sein, dass (Maria) Leopoldine, Erzherzogin von Österreich und ab 1822 Kaiserin von Brasilien, sehr daran interessiert war deutschsprachige Einwanderer ins Land zu holen. Diese sollten bei der Rodung des Urwaldes und vor allem beim Aufbau einer Landwirtschaft nach europäischem Vorbild helfen. Und da es in Brasilien genug Land gab, folgten auch einige Tiroler diesem Ruf und ließen sich in Brasilien nieder. Interessant sind in diesem Zusammenhang zwei Besiedelungen, die hier kurz erwähnt werden sollen.

Colonia Tirol in Espirito Santo

Die Colonia Tirol ist eine Streusiedlung, gehört zur Gemeinde Leopoldina im Bundesstaat Espirito Santo und liegt 70 km landeinwärts von Vitoria am Atlantik. 1859 von Einwanderern aus dem Stubaital und dem Oberinntal gegründet, kam die Siedlung aufgrund des Handels mit Kaffee und Bananen um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einigem Wohlstand. Mit dem Verfall des Kaffeepreises, setzte aber ein wirtschaftlicher Niedergang ein, die antideutsche Haltung in Lateinamerika brachte dann noch kulturelle Einschränkungen, da etwa die Verwendung der deutschen Sprache verboten wurde. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts erhält die Colonia Tirol wirtschaftliche Hilfe von Österreich und Südtirol, seit 1997 gibt es auch wieder Deutschunterricht in einer Privatschule, die 1960 vom Innsbrucker Universitätsdozenten Dr. Karl Ilg gegründet wurde. Obwohl vereinzelt immer noch Deutsch gesprochen wird, was wohl nicht zuletzt auf den Deutschunterricht in der Privatschule zurückzuführen sein dürfte, ist die deutsche Sprache weitgehend aus der Colonia Tirol verschwunden.

Treze Tilias (Dreizehnlinden)

Treze Tilias ist eine Gemeinde im Bundesstaat Santa Catarina im Süden Brasiliens. Maßgeblich für die Gründung von Treze Tilias war der ehemalige österreichische Landwirtschaftsminister Andreas Thaler aus der Wildschönau, der ab den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts das Projekt vorantrieb und mit der Unterstützung von Walter Schuschnigg, der mit diesem Projekt deutsche Siedlungsgebiete verbinden und italienische Einwanderungen verhindern wollte, ein entsprechendes Grundstück kaufen konnte. 1933 begannen dann die ersten Siedler aus Tirol finanziell durch Bundeskanzler Dollfuß unterstützt mit dem Aufbau. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde die Verwaltung von Dreizehnlinden dem deutschen Generalkonsulat unterstellt. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde die Verwendung der deutschen Sprache in Brasilien verboten, deutsche Eigentümer enteignet und deutsche Siedlungen umbenannt. Dem zum Trotz kamen dennoch bis Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wieder vermehrt Siedler aus Tirol und Österreich nach Treze Tilias, sodass das kulturelle Leben mit Tiroler Note nach wie vor beibehalten werden konnte, auch weil sich Dreizehnlinden in der Zwischenzeit einen Namen als Tourismusdestination gemacht hatte. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erhielten die Eigentümer wieder ihren Besitz und der Ort seinen Namen zurück, wenngleich nur mehr in der portugiesischen Variante Treze Tilias. Wirtschaftlich ist die Situation von Treze Tilias um einiges besser als jene der Colonia Tirol. Neben dem Tourismus hat Dreizehnlinden noch ein weiteres wirtschaftlich bedeutendes Standbein. In Treze Tilias befindet sich mit der Molkerei Tirol nämlich eine der größten Molkerein der Region. Die Idee zur Molkerei kam übrigens von Dr. Karl Ilg, jenem Karl Ilg, der ja auch in der Colonia Tirol die dortige Privatschule gegründet hatte.

Fazit

Natürlich wander(te)n Tiroler nicht nur nach Brasilien aus, sondern auch in andere Teile der Welt. Dennoch ist zumindest mir kein weiteres Beispiel bekannt, dass Tiroler in einem fernen Land eigene Gemeinden aufgebaut und dort zumindest über einen gewissen Zeitraum ihre Kultur weitergepflegt hätten. Kritisch könnte man dies allerdings auch so betrachten, dass sich diese Tiroler in Brasilien nicht (vollständig) an die kulturelle Umgebung anpassen wollten.

 

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