200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm

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Die "Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm sind neben der Lutherbibel das bekannteste deutschsprachige Buch. Über 150 Übersetzungen in andere Sprachen gibt es von dieser Märchensammlung, die im Jahr 1812 das erste Mal erschienen ist.  200 Jahre sind die Geschichten von Rotkäppchen, vom "Froschkönig", vom "Hans im Glück" bis hin zu "Hänsel und Gretel" schon Bestandteil nicht nur der Alltags- sondern auch der literarischen Kultur.

Wer sich näher mit den Brüdern Grimm und ihrem umfangreichen Werk beschäftigt, weiß, dass in den kommenden zwei Jahren 2012 bis 2014 mehrere Grimm-Jubiläen anstehen. Die 200jährige Wiederkehr der ersten Erscheinens der "Kinder- und Hausmärchen" ist dabei das erste und sicher eines der wichtigsten.

Der Erfolg des Buches war vor 200 Jahren natürlich noch nicht absehbar, allerdings unterstützten ihn die zwei Brüder, Jacob und Wilhelm, mit Hilfe ausgeklügelter Techniken, die man heute als clevere Marketingstrategie bezeichnen würde.

Die Märchen wurden mitten in der Epoche der Romantik - geprägt durch Interesse an Volksüberlieferungen und - geschichten - veröffentlicht. Die Volksseele, so meinten es romantische Theoretiker, würde sich in Volkserzählungen, Märchen, Volksliedern und ähnlichem ausdrücken. In Volksmärchen, die quasi aus dem Volksmund entstanden seien, die keine echten Verfasser hätten, sei diese Volksseele am klarsten zu fassen.

Auf diese Vorstellungen griffen die Grimms zurück und nutzten sie in ihrem Sinn. Sie behaupteten, dass sie "echt hessische Volksmärchen" gesammelt hätten, die ihnen eine alte Bäuerin erzählt habe. Tatsächlich aber stammen viele Märchen aus anderen Ländern ("Der gestiefelte Kater"), bzw. sind in ganz Europa verbreitet, einige sind Kunstmärchen (d.h., sie haben einen bekannten Verfasser) und einige sind von den Grimms selber geschrieben worden.

Ebenso war die wichtigste mündliche Quelle der Grimms nicht etwa, wie von ihnen behauptet, eine alte hessische Bäuerin, sondern vielmehr die hochgebildete Bürgerin Dorothea Viehmann, die aus einer französischen Hugenottenfamilien stammte. Nach dem schleppenden Verkauf der ersten Ausgabe der Märchen veränderten die Brüder sowohl die Auswahl als auch die Gestalt der Märchen um den Absatz zu erhöhen - mit Erfolg. Aus einem volkskundlichen Projekt wurde im Verlauf von dreißig Jahren ein Erziehungsbuch, das ausdrücklich die neuen bürgerlichen Werte transportieren sollte. So wurde in "Hänsel und Gretel" z.B. die ursprüngliche Mutter zur Stiefmutter. Es war mit dem bürgerlichen Mutterbild nicht mehr vereinbar, dass die eigenen Kinder verstoßen würden. Der Stiefmutter freilich traute man das zu.

Ebenso wurden im Lauf der Zeit manche Märchen aus der Sammlung entfernt - teils, weil sie zu grausam schienen, teils, weil ihr nicht-deutscher Ursprung zu offensichtlich und gut dokumentiert war (z.B. der schon erwähnte "gestiefelte Kater"). Diese Sammlung beeinflusste Generationen von Geschichtenerzählern, wurde quasi archetypisch für Märchen und prägte ebenso Generationen von kindlichen Vorstellungswelten als Erziehungs- und Sozialisationshilfe.

Mittlerweile sind die Grimmschen Märchen als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt und weltberühmt. Sie sind zwar nur zum Teil authentisch, sind im Lauf der Jahre stark verändert worden und beginnen nicht einmal zur Hälfte mit "es war einmal". Trotzdem bilden sie ein fast unerschöpfliches Reservoir von Erzählmotiven, Geschichten und Erzählmustern, auf die bis heute die Kulturindustrie in Büchern und Filmadaptionen gerne zurückgreift.

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